Zur Geschichte der Schule in Viernau

Ein Bericht von Willimar Jung.

Dieser Bericht gibt Auskunft zur Entwicklung der Viernauer Schule. Die alte Schule auf dem Kirchberg und das damalige Schulwesen überhaupt werden beleuchtet. Der Unterricht an der neuen Schule wird dargestellt, von den Anfängen bis zu deren Schließung.

1. Die alte Schule

Wir schreiben den 26. Mai 1767. Vor der neuen Schule haben sich die Einwohner von Viernau eingefunden, um bei der Einweihung dabei zu sein. Der Lehrer Johann Georg Kaspar Hoffmann hat seinen festlichen Frack (Scherle) und Zylinder angelegt. Mit den Schülern will er das Lied »Ein feste Burg ist unser Gott« von Dr. Martin Luther singen. Der Herr Pfarrer Julian Ripperger spricht die heiligen Worte und spendet der neuen Schule seinen göttlichen Segen. Als Gemeindevorsteher ist Johann Kaspar Schwäblein anwesend. Auch er würdigt den Neubau und alle zollen ihm Beifall. Er konnte natürlich nicht ahnen, daß nach 225 Jahren dieses Gebäude noch stehen würde. Man hatte ja auch erst die alte Schule abgerissen, um genügend Platz für die Neue zu haben.

Über das alte Schulgebäude schreibt G. Neugebauer in der Ortschronik folgendes, er zitiert aus einer Visitativakte (eine behördliche Besichtigung) aus dem Jahre 1630: »Im Winter 70 Schüler gehabt, jetzo (17. Mai (über 10 oder 15 nicht, die Schul ist übel gebaut. Die ganze Gemeinde lebt in großer Uneinigkeit mit dem Schultheiß Friedrich. Die jungen Gesellen laufen der Nachts im Dorf herum, versammeln sich des Tags im Braugarten. Der Pfarrhof ist sehr bös, alles Flicken vergeblich, die Scheune vor demselben muß notwendig gebaut werden.«

Zu dieser Zeit 1619 war Johannes Langenhan Lehrer. Aus dem Bericht geht hervor, daß vor 1630 in unserem Ort schon eine Schule bestand. Ihr Standort war auch damals schon der Kirchberg und in der Nähe der Kirche. Dieser Tatbestand gibt uns den Hinweis, daß die Besiedlung unseres Dorfes um die Kirche herum erfolgte. Es ist nicht unbekannt, daß es sich um eine Wehrkirche handelte, in deren Mauern die Einwohner bei Gefahren Zuflucht fanden. Ein Teil dieser Mauer ist am Pfarrhof noch sichtbar.

1.1. Beginn des Schulwesens im Henneberger Land

Der Beginn des Schulwesens im Hennebergischen Land erfolgte aus heutigen Erkenntnissen mit der Einführung der Reformation im ganzen Land 1547. Graf Wilhelm VI. war katholisch und hatte sich der Lehre Luthers verschlossen. Erst unter der Herrschaft von Graf Georg-Ernst (1559–1583) wurde die lutherische Lehre in den hennebergischen Dörfern bekannt. Georg-Ernst hatte 1530 am Reichstag zu Augsburg teilgenommen, auf dem die »Augsburger Konfession« formuliert wurde. Die Anordnung über die Einführung des evangelischen Gottesdienstes und die Entfernung von katholischen Heiligenverehrungen beinhalteten die Einrichtung von Schulen im ganzen Land. In Schleusingen gab es aber auch schon 1452 eine Lateinschule.

Am 22. Juni 1577 weihte Georg-Ernst das Gymnasium in Schleusingen ein. Durch diese Schule, die von Anfang an mit einem Internat verbunden war, sind ganze Generationen von Schülern vieler Orte gegangen. Das trifft auch auf Viernau bis in unsere Zeit zu.

1.2. Schulentwicklung in Viernau

Das Schulwesen im Henneberger Land hatte eine beachtliche Höhe erreicht. Als erster Lehrer für unseren Ort wird von 1576–1618 Johannes Jung aufgeführt.

Eine negative Entwicklung nahm das Schulwesen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Übereinstimmend schrieben die Chronisten, daß in Auswirkung die Jugend verwilderte und das sogar der wohlhabende Mittelstand zum Teil nicht lesen und schreiben konnte.

Akte aus dem Jahre 1657 (Neugebauer)

Weil der Pfarrer daselbst ingleichen der Schulmeister und Kirchenältesten abermals sich beklaget, daß die Kinder nicht zur Schule gehalten werden, ja ihnen noch lose Worte auf den Weg gegeben werden, wurde der versammelten Gemeinde eine Bußpredigt gehalten und sie danach von den Kirchenältesten u. Schultheißen aufgefordert, besseren Fleiß als bisher bei der Kinderzucht anzuwenden. Ein Verzeichnis der Ungehorsamen soll der Amtsschreiber in Cundorf erhalten. Die Nachbarn wurden auch ermahnt, sich fleißiger zur Kirche einzufinden u. Pfarrer und Schulmeister die Besoldung zur rechten Zeit zu geben. Die Pfarrwiese und verfallene Gräber müssen gebessert werden

Das Kirchen- und Schulamt mag damals recht schwer zu führen gewesen sein.

1.3. Schulalltag

Die Schule befand sich in der Obhut der Kirche und der Pfarrer war meist auch Lehrer. Eine Schulpflicht gab es zu dieser Zeit noch nicht, es blieb den Eltern überlassen, die Kinder zum Schulbesuch anzuhalten. Kinder brauchte man als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Sie hatten die Ernährung der Familie mit zu sichern. Man sagt, spätestens mit dem 7. Lebensjahr erfolgte ihr Einsatz in der Land- u. Weidewirtschaft (Hirtenjunge). Viele blieben im Sommer ganz der Schule fern.

Das Schleusinger Gymnasium war zu dieser Zeit eine vorbildliche Pflegestätte guter Schulbildung. Der damalige Rektor Andreas Reuher war von dem Herzog Ernst den Frommen 1640 bereits als Organisator des dortigen Schulwesens nach Gotha berufen worden. Sein Nachfolger Daniel Lencer in Schleusingen hat das Hennebergische Schulwesen weiter zu fördern versucht. 1657 gab er eine für die damalige Zeit bedeutsame Schrift heraus: »Einfaltige Anleitung wie die Stadtschulen der Grafschaft Henneberg füglich einzurichten – auch wie in den Dorfschulen erbaulich zu verfahren ist.« Er forderte bereits eine Schulspeisung für die Stadtschulen.

Im letzten Kapitel seiner Schrift spricht er von den Landschulen. Jeden Vormittag sollen 3 Stunden Unterricht gehalten werden, der sich in drei Teile gliedert: Eingang, Fortgang und Ausgang. Gesang, Gebet, Ausagen der Hauptstücke, Psalmen und Bibelsprüche bildeten den Eingang und Ausgang, während Buchstabieren, Lesen, Schreiben und Auswendigssagen die zweite Stufe ausmachten. Vor allem will Lencer die Kinder auch zu guten Sitten erzogen wissen: »sind dazu mit vielfältigem Anmahnen auf gutem Exempel anzuführen, sonderlich daß sie in Reden und Gebärde keusch und züchtig, gegen die Eltern gehorsam, auf der Straße ehrbar gegen jedermann, sonderlich gegen die Fremden, auch sonst treu und dienstwillig sich erweisen«.

Aus der Anordnung geht auch hervor, daß die Lehrer Züchtigungsrecht hatten. Es wird auch deutlich der Unterschied zwischen Stadt- und Dorfschule herausgestellt. Die Schulmeister mußten meist über ihre eigentliche Tätigkeit hinaus die Kirchenmusik, die Bedienung des Geläudes, die Wartung der Uhr mit versorgen.

Die Besetzung für das Lehramt erfolgte oft nach der Fähigkeit singen zu können, da das Singen kirchlicher Lieder einen breiten Raum im Unterricht einnahm.

Zur Zeit der Schulordnung war von 1647–1661 ein Peter Albrecht Lehrer im Ort. Pfarrer war 1651–1655 Tobias Freund. Er hatte als Feldprediger der hessischen Truppen an der »Schlacht bei Lützen« teilgenommen. Von 1656–1673 war Antonius Schultes Pfarrer in Viernau. Sein Grabstein wurde 1920 bei Instandsetzungsarbeiten der Kirche gefunden und ist jetzt an der inneren Ostwand am Eingang zur Turmhalle angebracht worden. Wer zu dieser Zeit Vorsteher war, ist nicht festzustellen. Die Erwähnung der Pfarrstellen war deshalb notwendig, weil sie, wie schon erwähnt, für den Schuldienst verantwortlich waren.

1.4. Ausbau der Schule

An der Schule arbeitete bisher nur ein Lehrer, da sich aber die Kinder zusehends vermehrten, so fand es die Gemeinde für ratsam, im Jahre 1832 noch einen Lehrer anzustellen. Der erste Kantor und Knabenlehrer A. Götze hatte 108 und der erste Organist und Mädchenlehrer A. Heim 106 Kinder zu unterrichten.

Beschreibung des Ablaufs der dritten Säkularfeier (nicht geistlich, alle 150 Jahre wiederkehrend) für die Übergabe der »Augsburger Konfession« am 25. Juni 1830 in Viernau (Oberförster Lomler)

Die Musik ging vorweg, die Schuljugend ging paarweise, so daß jeder Knabe ein Mädchen führte, nach und der Kirchen- und Ortsvorstand folgte. Die Mädchen hatten den Knaben Tücher geschenkt, sich selbst alle festlich gekleidet und auf diese Weise das Fest geschmückt. Es wurden hierauf an die Schulkinder Bratwürste und Semmeln verteilt. Dies geschah in bester Ordnung, in dem der Schullehrer »Eck« die Kinder nach dem Schulverzeichnis namentlich aufrief und sodann jedes Kind seine Wurst, in aufgeschnittenen Semmeln eingelegt, empfing. Hierzu bekamen die Kinder ein Bier zu trinken.

In der Amtszeit des Kantors Götze wurden die Knaben im Schulzimmer auf dem Kirchberg unterrichtet. Die Mädchen mit ihrem Lehrer Andreas Heim hatten Schule in einem gemieteten Raum im Dorf, im sogenannten »Herrenhof«. Mit der Zunahme der Schülerzahl wurde auch 1890 eine dritte Lehrstelle eingerichtet.

1890 hatte der Ort 320 Schüler, die in 4 Klassen unterrichtet wurden. In einer Eintragung vom 10. August 1871 im Kirchturm lesen wir: »Der Ort hat 1237 Seelen und 225 Schulkinder. Im Jahre 1770 gab es 655 Einwohner.«

Feststellung

Hier muß ich noch ein bemerkenswertes Ereignis in meine Betrachtungen mit einbeziehen. Am 26. August 1838 wurde vor dem »Königlich Preußischen Gerichts-Amt zu Suhl« die Aufteilung des vormaligen hiesigen Domänen-Gutes und des dazu gehörigen ehemaligen von Reckrodt’schen Gutes verhandelt. Es ging dabei um die Aufteilung auf landarme Einwohner des Dorfes. Dabei mußten 194 Unterschriften geleistet werden, doch davon konnten 28 Bürger (14,4%) nicht ihren Namen schreiben. Sie machten 3 Kreuze und die wurden vom Suhler Kantor, Herr Schöler, bestätigt. Das lautete z. B. dann so: »Handzeichen xxx der Regine Margarethe Marr, bezeugt Schöler, Kantor«. Von den 28 Bürgern waren nur zwei Männer, ob man diese Aussage auf die gesamte Bevölkerung umschlagen kann, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Bemerkenswert ist es schon, daß nach etwa 300 Jahren Schulentwicklung 14,4% noch nicht ihren Namen schreiben konnten.

Die Schule begann jährlich nach der Ernte. Bei Kirchweih gab es immer zwei Tage schulfrei. Ein Schulexamen fand jährlich für alle Schulen, meist vor der Schneidernte statt. Die Schüler mußten zeigen, was sie in der Schulzeit gelernt hatten. Dazu gehörte sicherlich auch die Konfirmation, die mit dem Ende der Schulzeit zusammenfiel. Wann in Viernau die erste Konfirmation gefeiert wurde, ist nicht bekannt. Die Konfirmation gab früher die erste Gelegenheit, lange Hosen zu tragen. Den männlichen Konfirmanden wurde auch ein erstes Glas Schnaps zugebilligt. Eine Woche vor der Konfirmation fand in der Kirche ein Glaubensverhör (Prüfung) statt. Es war ein Abhören von Gesangbuchversen, Geboten, Hauptstücken und auch Bibeltexte. Nach der Konfirmation ging es dann mit den Eltern, den Paten zur ersten Abendmahlteilnahme. Eine Tradition der Konfirmanden war und ist, sich gegenseitige Besuche mit Vergleichen der Geschenke abzustatten.

Aus den Geschichtsbüchern geht hervor, daß die Tradition der Konfirmation zusammen mit dem Ausbau des Staatlichen Schulwesens und der Schulpflicht begann. Obwohl sich die Schulzeit verlängerte (10 Jahre), wird die Konfirmation oder wie bei uns in der ehemaligen DDR die Jugendweihe, zum Abschluß der 8. Klasse durchgeführt. Die Konfirmation in Viernau fiel in der Vergangenheit immer auf den Palmsonntag. Diese Tradition wurde erst zum Ausgleich zur Jugendweihe unterbrochen.

Bis 1832 hatte die Schule in Viernau nur einen Lehrer, obgleich die Schülerzahl immer höher wurde und 1786 bereits 156 Schüler betrug. Bei der Einstellung des 2. Lehrers gab es schon 213 Schüler. Die 1. Lehrerstelle war gleichzeitig eine Kantorstelle, sie wurde von 1832–1834 durch Andreas Götze besetzt. Die 2. Lehrerstelle war die Organistenstelle, sie wurde 1832–1871 durch Andreas Heim besetzt. Ein Kantor konnte die Orgel spielen und auch Sänger dirigieren, was der Organist nicht konnte oder durfte. Deshalb war auch der Lehrer und Kantor Carl Ferdinand Güth (1861–1876) der erste Dirigent des Männergesangvereins Viernau, der 1861 gegründet wurde. Wahrscheinlich ging die Initiative zur Gründung dieses Vereins vom Kantor aus. Der Kantor war auch gleich der Knabenlehrer und der Organist der Mädchen.

2. Die neue Schule

2.1. 1897–1933

Mit der Zunahme der Schüler wurden auch die Lehrerstellen erweitert. So wurde bereits 1897 die 4. Lehrstelle und 1921 bereits eine 8. Lehrstelle eingerichtet. Die Erweiterung der Lehrerstellen war auch notwendig mit dem sprunghaften Anstieg der Schülerzahl, die 1897 365 und im Jahre 1921 bereits 512 betrug.

Um diese Zeit wurde schon ein fachbezogener Unterricht durchgeführt, d. h. es wurde neben Lesen, Schreiben, Singen auch Rechnen und Geschichte gelehrt. Der Rechenunterricht begann mit dem Verständnis für Zahlen, ausschließlich das Einmaleins sowie das Addieren und Substrahieren und in den oberen Klassen auch die Bruchrechnung.

Die Sitzordnung in der Schule ging über viele Jahre entsprechend den Leistungen. So gab es einen Ersten (Bester) und der saß immer auf dem ersten Platz in der letzten Reihe. Die erste Reihe war die »Eselsbank« und da saßen die schlechten und sitzengebliebenen Schüler.

Über diesen Zeitabschnitt schrieb Hermann Könitzer so:

Die Schülerzahl stieg unaufhaltsam bis auf 519 im Jahre 1920. 1930 besuchten 337 Kinder unsere Volksschule. So mußte zu Michaelis (29. 09.) 1890 die dritte, zu Ostern 1897 die vierte, zu Ostern 1903 die fünfte, zu Ostern 1909 die sechste, zu Michaelis 1911 die siebte und zu Michaelis 1921 die achte Lehrerstelle eingerichtet werden. Die sechste Lehrerstelle wurde 1913 in eine Rektorstelle umgewandelt.

Im Herbst 1897 begann der Bau eines neuen Schulhauses mit vier Klassenräumen und zwei Dienstwohnungen für die Inhaber der ersten beiden Lehrerstellen.

Im oberen südlichen Klassenzimmer war in den ersten Jahren eine Dienstwohnung für den 3. Lehrer eingerichtet. Jedoch wurde diese recht bald und im Jahre 1913 auch die Wohnung des Organisten unterrichtlichen Zwecken zugeführt. In Letzterer wurde ein weiteres Klassenzimmer sowie ein Lehrmittel- und Rektorzimmer eingeräumt. Weil aber auch durch diese Veränderung keine befriedigende Lösung gewonnen wurde, plante man seit 1913 einen neuen großen Schulbau auf der sogenannten Schulwiese (Schulstraße), der aber leider nicht Wirklichkeit werden konnte. Das 1898 vollendete Schulhaus erforderte einen Kostenaufwand von 32000 Mark und wurde von den Bauunternehmern Gebrüder Hopf aus Suhl erbaut.

Die Regierung gab dazu 19000 Mark. Michaelis 1907 wurde für die männlichen Schulentlassenen eine Fortbildungsschule eingerichtet, die gegenwärtig (1930) von 29 Knaben im Alter von 14 – 17 Jahren besucht wird. Den Unterricht in den beiden Klassen erteilten jeweils Lehrer der hiesigen Volksschule nebenamtlich. Gegenwärtig unterrichten die Lehrer Könitzer, Syré und Priester.

Die Errichtung einer gleichen Schule (Kochschule) für die weiblichen Schulentlassenen steht bevor.

Kinder, aus der Zeit um die Jahrhundertwende, berichten von den häuslichen, ärmlichen Verhältnissen. Der Beitrag der Mädchen zum Familienunterhalt bestand neben der Unterstützung im Haushalt die Arbeit in der Landwirtschaft, Beeren und Pilze sammeln. Das Schulfrühstück bestand neben trockenem Brot auch aus gebratenen Kartoffeln. Mein Vater berichtete, daß er schon als 11 – 12-jähriger Junge in der Drechslerei täglich Hefte vorhacken mußte. Im Herbst, meist die ganze Schule, wurde für die größeren Bauern der Flachs gerupft. Es gingen aber auch schon Kinder nach der Schulzeit als Tagelöhner bei größere Bauern zum Dienst.

Die Schuleinführung wechselte, das geht auch aus dem Bericht von Herrn Könitzer hervor, meist zu Ostern oder im Herbst, dann aber nach der Ernte.

Zu dieser Zeit gab es auch schon eine Zuckertüte. Wenn nun die Schuleinführung war, bildeten die älteren Schüler ein Spalier. Durch dieses Spalier mußten nun die Neuen mit ihren Tüten laufen und der Ulkerei der Großen widerstehen und das war nicht immer leicht. Die Älteren riefen immer und deuteten auf die Tütenspitze – One gucke jounge Mäus raues! – bei so viel Stimmen mußte schon manchmal die Mutter eingreifen, damit die Tüte nicht weggeworfen wurde. In der Zeit des 1. Weltkrieges von 1914–1918 wurde teilweise der Schulbetrieb nur notdürftig aufrecht erhalten. Ein halbes Jahr lang waren nur 2 Lehrer vorhanden, hinzu kam noch, daß diese Lehrer auch Schuldienst in Christes halten mußten. In Christes war gar kein Lehrer mehr. Die Schüler mußten sich zeitweise im Selbststudium üben. Der Lehrer Willi Prause ist im Krieg 1917 gefallen. 1930 wurde das vorhandene Schulgebäude außen und innen renoviert.1937/38 erfolgte ein erneuter Anbau an die Schule. Der Bau konnte aufgrund von Handwerkermangel nicht ganz fertiggestellt werden. Hier zeigten sich schon die Vorboten des zweiten Weltkrieges, die Handwerker waren zum Bau des Westwalles verpflichtet.

2.2. 1933–1945

Die Zeit ab 1933 war überhaupt davon gekennzeichnet, die nationalsozialistische Weltanschauung, wie Rassenkunde und die Vererbungslehre im Lehrstoff zu verarbeiten.

Die Schüler wurden uniformiert und in der HJ organisiert. Zu Beginn des 2. Weltkrieges gab es für die 500 Schulkinder nur vier Lehrer. Der Unterricht litt besonders während der letzten Kriegsjahre durch häufigen Fliegeralarm. Auch die immer schwieriger werdende Beschaffung von Büchern und Heften wirkte sich ungünstig aus. In dieser Zeit erfolgte meine Schuleinführung 1943. Rektor war der Herr Panknin, der aber bald darauf starb. Durch die Aufnahme von ausgebombten Familien aus dem Rheinland und dem Saargebiet stieg die Schülerzahl über 500 an. So wurde mit wenigen Lehrkräften, unter vielen ungünstigen Einflüssen, ein Schulbetrieb mühsam aufrecht erhalten. Wie am 3. April 1945 amerikanische Kampfgruppen Viernau besetzten, standen nur noch vier Lehrkräfte zur Verfügung.

Infolge des totalen Zusammenbruchs des Deutschen Reiches und auf Anordnung der Besatzungsbehörden wurde der Unterricht nach den Osterferien 1945 nicht wieder aufgenommen. Die Schule wurde durch Plünderung, Diebstahl oder durch sinnlose Vernichtung von Lehr- und Anschauungsmittel sehr geschädigt. Ab Juli 1945 wurde Thüringen von sowjetischen Truppen besetzt.

2.3. In der DDR

Im August 1945 sollte im Kreis der Unterricht wieder beginnen, jedoch erforderten die Vorarbeiten eine längere Zeit und erst am 1. Oktober 1945 konnte der Unterricht aufgenommen werden.

Zum Schulbeginn 1945 fehlte es an Lehr- und Lernmitteln, es gab kein Heizmaterial. Hefte wurden aus alten Plakaten gemacht, ja es wurde auf Zeitungsränder geschrieben. Die Bleistiftstummel wurden mit Holunderzweigen verlängert. Die sowjetische Besatzungsmacht erließ verschiedene Befehle zur Sicherung des Schulbetriebes. So forderte der Befehl 223 das Land Thüringen auf, für die gesamte Besatzungszone 600000 Schiefertafeln und die entsprechenden Griffel in Steinach produzieren zu lassen. Durch die schlechte Ernährungslage und mangelhafte Bekleidung waren während der Wintermonate viele Schülerversäumnisse zu verzeichnen. Kleidung und auch Schulhefte gab es auf Bezugsschein. Für den Winterbetrieb mußte Holz gesammelt werden, Kohlen waren kaum vorhanden.

Im Schulgesetz vom 2. 12. 1959 war die Organisation vom Besuch des Kindergartens, über die Grundschule bis zur Berufsschule geregelt. Da die Väter und auch die meisten Mütter berufstätig waren, wurde ein Schulhort eingeführt. Die erste Hortnerin an unserer Schule war L. Hellmann. Am 26. Oktober 1977 erhielt die Schule den Namen »WERNER SEELENBINDER«. Das dazu gehörende Denkmal (oder Genktafel) wurde von Herrn Diplombildhauer Wolfgang Rommel aus Kühndorf errichtet. Von der Gemeinde wurde eine gesellschaftliche Speiseeinrichtung geschaffen. Im Speisesaal (ehem. Gasthaus Liniger) konnten etwa 90 Kinder gleichzeitig das Essen einnehmen. Die Schüler bezahlten 0,55 Mark pro Essen.

Nicht unerwähnt sollte die erste Schulköchin – Frau Else Müller – bleiben.

2.4. Nach der Wende

Mit der politischen Wende und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten veränderte sich auch das Bildungssystem. Als Vorbild diente dabei das Schulsystem von dem Altbundesland Hessen.

Die Viernauer Schule wurde 1991 Grundschule, d. h. ab der 5. Klasse gehen unsere Kinder in die Regelschule nach Benshausen bzw. Steinbach- Hallenberg oder ins Gymnasium nach Zella-Mehlis. Als Direktor wurde Frau Jutta Henkel berufen.

Mit der Aufteilung der Schule verlassen viele Lehrer die Schule. Viele werden auf Grund ihrer politischen Vergangenheit aus dem Schuldienst entlassen. Mit der Neustrukturierung der Schule konnte auch die Stützmauer der Schule erneuert werden. Über 10 Jahre wurde sie in den Plänen mit aufgenommen, diese Pläne wurden aber zur DDR-Zeit nie realisiert.

Das ehemalige Schulgebäude – KIRCHBERG 3 – diente in seiner Vergangenheit als Kindergarten und bis 1992 als Wohnung. Auf Grund seiner Historie soll nun endlich in diesem Gebäude eine Heimatstube eingerichtet werden. In ihr werden Gegenstände, Dokumente und die Viernauer Tracht gezeigt. Dieses Haus soll gleichzeitig eine Ausbildungsstätte für die Einwohner und Gäste unseres Ortes sein.

Ab dem 1. 9. 1956 wird auch in Viernau die Zehnklassenschule und ab 1. 9. 1958 der polytechnische Unterricht eingeführt. Er beinhaltete vom 7. bis10. Schuljahr wöchentlich einen Unterrichtstag in der Produktion. Er wurde in unserem Ort überwiegend bei der Firma Bernhard Paatz KG (ab 1972 VEB Werkzeugmaschinenfabrik Zella-Mehlis/Viernau) durchgeführt.

Ab 1955 wurde an allen Schulen der DDR die Jugendweihe eingeführt. Am Anfang handelte es sich um eine freiwillige Angelegenheit. Aber nach und nach wurde es zu einem freiwilligen Muß. Immer mehr Schüler wandten sich von der Konfirmation ab und an ihrer Stelle wurde zu über 95 % die Jugendweihe in den Familien gefeiert. Mit der Zunahme der Jugendweihefeiern wurde von der Seite der Kirche der Palmsonntag als traditioneller Konfirmationstag abgeschafft. Nach meinen Erkenntnissen hat die Neuapostolische Kirche, trotz Jugendweihe, den Palmsonntag als Konfirmationstag beibehalten.

Die Kirche bildete ihre eigene Jugendorganisation unter dem Namen »Junge Gemeinde«. In den Räumen der Schule durfte kein Religionsunterricht abgehalten werden. Der Religionsunterricht konnte aber freiwillig besucht werden.

Der größte Bruch zwischen Staat und Kirche basierte nach meinem Dafürhalten mit der Einführung eines Wehrkundeunterrichts in den Schulen. Dieser Unterricht bildete neben der Ausbildung in der »GST« die Grundlage einer vormilitärischen Erziehung. Das in einem Land, wo der Frieden höchstes Gebot sein sollte? Und überhaupt wurden die Schüler im Zwiespalt erzogen. Sie spielten eine Doppelrolle. Abends schaute man die politischen Sendungen im Westfernsehen und am Morgen schrieb man im Fach Staatsbürgerkunde sozialistische Thesen auf. Diese Zweiteilung hatte sich in der gesamten Bevölkerung ausgebreitet. Es gab das privat politische Leben und es gab das Dienstliche.

Das galt auch für die Lehrer. Am ausgeprägtesten war es aber bei den Familien, die Westpakete bekamen oder wo ein Familienmitglied (meist Oma oder Opa) reisen durfte.

Um einen Bildungsrückstand, durch Krieg, Gefangenschaft, dem Durcheinander zum Kriegsende, auszugleichen, wurden 1949 Arbeiter- und Bauernfakultäten geschaffen. Auf denen das Vorstudium zum Hochschulbesuch ermöglicht wurde. Auch Schüler unserer Schule machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Der eigentliche Verdienst in dieser Zeit lag vor allem in der Schaffung der Einheitsschule. Es gab ob Stadt oder Dorf einheitliche Lehrpläne. Stadt- und Dorfkinder waren gleichgestellt und es setzte auch in unserem Ort eine Studierwelle ein. Hinzu kam noch die völlige Schulgeldfreiheit. So bildeten sich eine Vielzahl von Doktoren, Lehrern, Ingenieure usw. heraus. Eine Grundlage zur Studiumaufnahme war, neben guten Leistungen, ein Arbeiter- oder Bauernkind zu sein und später noch die Teilnehme an der Jugendweihe.

Im neuen Schuljahr, das am 1. September 1946 begann, gab es gravierende Veränderungen. Für die 430 Kinder waren 13 Klassen einzurichten. Für die vielen Lehrkräfte, die wegen der Zugehörigkeit zur NSDAP aus dem Amt entlassen worden waren (in Viernau die Lehrer Könitzer und Priester) wurden »Neulehrer« eingesetzt. Die Ausbildung zum Neulehrer erfolgte in einem 6 – 8-monatigem Lehrgang.

Die weiteren Lehrkräfte sind Lehrer Hans Reedler (51 Jahre) und die Lehrerinnen Ursula Hoellger (37 Jahre), Frl. Käthe Rödger (22 Jahre) und Frl. Ruth Schmieder (22 Jahre) sowie die Sprachhilfslehrerin Frau Käthe Benzinger (37 Jahre) und die Handarbeitshilfskraft Frau Luise Teuchert (31 Jahre) insgesamt 11 Lehrkräfte. Es begann ein ständiger Lehrerwechsel. Als erste Fremdsprachenlehrerin (Englisch) nahm Frl. Irmgard Hanzlik 1947 ihre Tätigkeit auf. Sie wurde ortsansässig und übte bis 1987 ihren Schuldienst aus. Ab dem 1. September 1949 begann, ohne die Meinung der Eltern u. Kinder abzufragen, der Russischunterricht als Pflichtfach. Englisch durfte als Wahlfach auch gelehrt werden.

Erste Russischlehrerin wurde Frl. Gerti Bodinet. Als erste Kinderorganisation wurde Ende 1945 das Kinderland gegründet. Diese Vereinigung wurde von Staat und Kirche getragen. Doch 1947 wurde die Gruppe »Kinderland« aufgelöst und es wurde die Pionierorganisation nach dem Vorbild der Sowjetunion gebildet. Es begann eine erneute Uniformierung der Schüler und Jugendlichen. Die Pioniere (ab 10. bis 14. Lebensjahr Thälmann-Pioniere) mit blauem und rotem Halstuch und die Jugendlichen mit blauem FDJ-Hemd. Für die Erziehung der Pioniere wurde ein hauptamtlicher Pionierleiter an den Schulen eingesetzt. Alle Schüler waren, mit wenig Ausnahmen, Pioniere.

Fräulein Hanzlik (verh. Henkel) konnte durch ihren langjährigen Schuldienst in Viernau mehrere Generationen auf den jeweiligen Lebensweg mit vorbereiten.

In den Sommerferien 1950 fand das erste örtliche Ferienlager am Gleichenberg statt. Es bekam den Namen Ferienlager »Klein Wuhlheide«, das war gleichzeitig die Namensgebung für dieses Gebiet. Ausgangspunkt für diesen Namen war das erste Deutschlandtreffen zu Pfingsten 1950 in Berlin. Das Pionierlager fand dort auf dem Gebiet des Stadtteils Wuhlheide statt.

1950 wurde auch eine Schulspeisung als Warmverpflegung eingeführt. Wer am Mittagessen teilnehmen wollte, mußte von der Lebensmittelkarte 100 g Nährmittel und 5 g Fett als Marke abgeben. Der Ursprung der Schulspeisung begann für alle Nichtselbstversorger- und Evakuiertenkinder schon im Dezember 1946. Die Kinder erhielten jeden 2. Tag ein 100 g Brötchen. Der Elternbeirat und die Gemeindevertretung bestanden auf die Beteiligung auch der Teilselbstversorgerkinder. Diese Maßnahme rief den Unwillen der vorgesetzten Behörde hervor u. die Zuteilung wurde für Viernau vorübergehend gesperrt.

1950 wird der Werkunterricht eingestellt und der Kellerraum wird zur Küche umgebaut.

1954 organisiert die Schule die Teilnahme am ersten Kinderkarneval. Fast alle Kinder nahmen am Umzug (Rosenmontag) durch den Ort teil.