Sagen unserer Heimat

Ein Bericht von Gerhard Roos.

Sagen haben erkennbare, historische Bezüge, sind Teile der Volksdichtung und meistens an einem bestimmten Ort angesiedelt. Hier ist es natürlich unser Umland.

1. Die Sage von dem Schatz im Ruppberg bei Zella-Mehlis

In alten Zeiten soll auf dem Ruppberg bei Zella-Mehlis eine trutzige Burg gestanden haben, in der Raubritter hausten und mit reisenden Kaufleuten ihr Unwesen trieben.

Schließlich wurde das Raubnest belagert, und als der Hunger zu groß wurde, gaben der Burgherr und seine Mannen auf. Zuvor versteckten sie die zusammengeraubten Schätze in einer tiefen Kellerecke. Damit niemand sie finden solle, verfluchten sie die Stätte, und ein schwarzer Höllenhund bewachte fortan das Versteck. Als die Burg erobert wurde, blieb kein Stein auf dem anderen.

Jahre waren seitdem vergangen, und in der Umgegend erzählte man vom sagenhaften Schatz im Ruppberg. Da fand ein Mehliser in einem Zauberbuch den Hinweis, daß nur der an den Schatz herankomme, der in der Johannisnacht dem Höllenhund einen blonden Knaben namens Johannes und einen roten Hahn vorwerfe und dabei schweigsam vorgehe.

Die Goldgier wurde bei dem Manne so groß, daß er einen solchen Knaben suchte und einem Hahn kurzerhand die einzige schwarze Feder ausrupfte. Gegen Mitternacht stieg er auf den Berg und murmelte den Zauberspruch. Ein Krachen ging durch den Berg, und in einem Loche erschien eine eiserne Pfanne mit vielem Golde. Daneben stand der grausige Hund mit feurigen Augen. Als der Mann das Kind und den Hahn dem Tier vorgeworfen hatte und die Pfanne herausziehen wollte, wurde es auf dem Berge lebendig. Bleiche Mädchen tanzten einen Reigen, Soldaten ohne Köpfe marschierten vorbei, ein aufs Rad geflochtener Mann stöhnte. Als ein vollbeladener Heuwagen ganz schief auf nur zwei Rädern heranrollte und sich neigte, als wolle er auf den Schätzgräber stürzen, schrie dieser vor Angst auf. Mit einem Krachen verschwand das Gold in der Tiefe. Der Mann war mit dem Knaben allein. Voller Angst und Grausen rannte er nach Hause.

Niemand hat seitdem den Schatz heben wollen.

2. Sage über die Hallenburg

Auf schroffem Felsen steht direkt über dem Ort Steinbach-Hallenberg die malerische Ruine der Burg Hallenberg, einst hennebergische Grafenburg und lange Zeit auch Amtssitz.

Der Sage nach erbaute derselbe Baumeister, welcher Schloß Henneberg erbaute, auch die Burg Hallenberg. Weiter erzählt die Sage, innerhalb der Burg sei noch eine eiserne Tür verborgen, welche einen Gang verschlossen halte, der bis in das ehemalige Johanniterschloß Kühndorf am Dolmar führte, welches ebenfalls im Besitz der hennebergischen Grafen war.

3. Des Teufels Tintenfaß

Als eine Bauersfrau in Bermbach gerade dabei war ihre Ziege zu melken, da trat ein Mann in Jägerkleidung zu ihr in den Stall und fragte: »Willst du, daß deine Ziege immer so viel Milch gibt wie eine Kuh?« »Warum nicht, das wär’ eine feine Sache«, antwortete darauf die Bäuerin lachend. »Dann mußt du drei große Nägel in die Stalltür schlagen!«, sagte der Fremde weiter. Das tat sie auch. »Dann mußt du auch noch deinen Namen auf dieses Papier schreiben«, sprach nun der unbekannte Besucher.

Dabei hielt er ihr einen großen Bogen Papier vor. Die Frau ging in die Stube und holte Schreibzeug. »Tinte habe ich aber nicht« sagte sie, als sie zurückkam. Doch der Fremde zeigte auf ihre Hand und erwiderte: »Tinte hast du in deiner Hand.« Da hob die Frau ihre Hand an die Augen und sah, daß sie voll Blut war. Sie tauchte schnell den Federkiel in das Blut und schrieb ihren Namen auf den Papierbogen.

Als die Bäuerin gleich darauf ihre Ziege melkte, gab die so viel Milch wie eine Kuh. Voll Freude darüber wollte die Bermbacherin dem Fremden ein Geschenk machen und nahm ihn mit in die Stube. »Was gebe ich ihm bloß?« sagte sie vor sich hin. Da entgegenete der Fremde: »Was geb’ ich ihm bloß?« Die Frau hatte ihn nicht richtig verstanden und drehte sich zu ihm um. Aber sie erschrak heftig, denn vor ihr stand der leibhaftige Teufel. Schnell rief sie laut dem Fremden entgegen und fuchtelte dabei mit den Armen und Händen: »Weiche hinaus, Satan!« Der Teufel war im Nu verschwunden. Die Ziege, so wird erzählt, gab weiter reichlich Milch.

4. Die Zigeuner in Bermbach

Gleich hinter den letzten Häusern von Bermbach macht die Straße nach Herges eine Krümmung. Vor langer Zeit lagerten hier einmal die Zigeuner. Eine alte Frau war bei ihnen, die nicht mehr sitzen, stehen und liegen konnte, ja, selbst das Essen schmeckte ihr nicht mehr. Als sie merkte, daß sie ihren Leuten zur Last fiel, bat sie, man möchte sie totschlagen und ihr dann ein ordentliches Grab geben. Aber niemand wollte einen Mord an ihr begehen. Da sagte sie: »So begrabt mich lebendig, ich werde dann von selber sterben!« Damit waren die Zigeuner einverstanden und schaufelten in der Senke an der Wegkrümmung hinter dem Gebüsch ein tiefes Grab. Dann schleppten sie die alte Frau dorthin. Sie sah in das Grab und sagte: »Wie graut mir’s doch vor diesem Loch.«

Schnell legten sie die alte Zigeunerin in das Loch und deckten sie mit Erde zu. Eilends jagten sie mit ihrem Wagen davon. In der Hast vergaßen sie ein kleines Mädchen. Das hat das Erlebte den Bermbachern erzählt.

5. Die Sage von der Moosburg

Wieder einmal trieben es die Raubritter auf der Moosburg ziemlich arg. Keinen Kaufmannszug ließen sie ungeplündert vorübergehen. Da taten sich die Grafen von der Hallenburg und der Ruppberg zusammen, um das Raubnest zu zerstören. Sie bestürmten und belagerten die Veste immer wieder, doch vergeblich, und so mußten die beiden Grafen mit ihren Mannen schließlich unverrichteter Dinge abziehen.

Kurze Zeit später fuhr nun wieder einmal ein Wagen mit mächtigen Weinfässern beladen die Straße entlang. Als er in die Nähe der Burg kam, stürzten die Räuber darauf los, die Fußknechte flohen in den Wald, und die Moosburger brachten jubelnd den Raub in die Burg. Als es aber Nacht war, verwandelte sich der Wein plötzlich in Kriegsknechte des Hallenburgers und des Ruppbergers. Diese krochen in aller Stille aus ihrem Versteck, gaben den wieder an die Burg herangerückten Belagerern ein Zeichen, öffneten das Tor, und ehe die Räuber sich recht besannen, waren die Grafen Herren der Burg, die sie dann in Brand steckten und schleiften.

Ein Teil der Rotte, so berichtet der Volksmund, dem Gnade erteilt wurde, baute darauf das an der Straße nach Asbach liegende Dörfchen Rotterode.

6. Von der Hammerschmiede und dem wütenden Heere in Unterschönau

Es war um die Adventszeit, als ein Hammerschmied in Unterschönau gegen Mitternacht in Pantoffeln aus dem Hause ging, um die Schütze zu stellen. Wie nun der Schmied so am Werken war, kam aus den Lüften das wilde Heer dahergebraust. Im Nu packten sie den erschrockenen Mann und rissen ihn mit sich fort über Berg und Tal.

Die Frau, die das furchtbare Gebrause um die Hammermühle hörte, vernahm das Schreien ihres Mannes und stürzte aus der Stube in die Dunkelheit hinaus, um nach ihm zu suchen.

Noch immer tobte der Sturm – im Volksmund nannte man das eben »das wilde Heer kommt« -, doch all das Suchen blieb ergebnislos. Er war im Dunkel der Nacht spurlos verschwunden.

Erst am anderen Morgen, als die junge Frau mit einigen herbeigeeilten Nachbarn weitersuchte, fanden sie nichts weiter als die alten Latschen am Grundwasser neben der Schütze. Als die Hammerschmiedin die letzten und einzigen Überbleibsel ihres verschwundenen Mannes aufheben wollte, waren die alten Schlappen wie fest an den Boden geklebt. Selbst die Nachbarsleute konnten sie nicht losreißen. So blieben sie eben stehen.

Die abergläubischen Menschen in dieser Waldgegend hatten wieder einmal Gesprächsstoff. Man kann sich einigermaßen vorstellen, was alles über Hexen und besonders über die Geister der Lüfte geredet wurde, als der Mann auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Was wird wohl mit ihm geschehen sein? Wir wissen, daß in der Sagenwelt meist das Böse bestraft und das Gute belohnt wurde. Vielleicht war er ein böser Mann gewesen, der seinen Mitmenschen das Leben zur Hölle gemacht hatte, der durch Geiz und Brutalität der guten Frau »die Hölle auf Erden« bereitet hatte.

So sind die Jahre ins Land gegangen. Gras war über das Verschwinden des Hammerschmiedes gewachsen, und manch kleines Episödchen hat dieses Ereignis dort in der Abgeschiedenheit abgelöst. Die junge Frau hatte sich wieder mit einem tüchtigen Eisenarbeiter verheiratet. Jetzt konnte sie wirklich zufrieden leben. An ihren verschwundenen ersten Mann dachte sie kaum noch.

Da, nach sieben Jahren, hörte man wieder so einen gräßlichen Lärm durch Unterschönau ziehen. Es war so um Mitternacht, als es an der Tür des Hammerwerkes pochte. Die Frau lief ängstlich zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Wie erschrak sie da, denn vor ihr stand leibhaftig der totgeglaubte Mann in seinen alten Latschen. Das »wütenige« Heer hatte ihn an derselben Stelle wieder abgesetzt.

Die beiden Leute nahmen den Totgeglaubten auf und pflegten ihn, denn er kam krank zurück. Die Kost, die sie ihm vorsetzten, konnte er nicht vertragen. Hinzu kam noch der Gram, der an ihm nagte, weil seine Frau in der Zeit seiner Abwesenheit einen anderen geheiratet hatte. So starb er bald nach seiner Heimkehr. Wo der Hammerschmied in den sieben Jahren gesteckt hatte, das konnte niemand von ihm erfahren.

Zu erwähnen wäre noch, daß gerade in dieser Gegend ein scheußlicher Hexenglaube zu Hause war. So mußten die Hexen natürlich auch einen Hexentanzplatz haben, zu dem sie in der Walpurgisnacht auf ihren Besen und Mistgabeln ritten, um mit dem Teufel, der vom Donnershauk oder Ruppberg herunterkam, ihre Orgien zu feiern. Ein solcher Hexentanzplatz war am Wege von Rotterode nach Unterschönau am »Köpfchen« bei einem Kreuzweg. Hier an diesem Hügel stand eine uralte Linde, die, als sie der Sturm umgestürzt hatte, durch eine junge ersetzt wurde. Wie die frühere wurde auch diese wieder die »Hexenlinde« genannt.

7. Die Ente auf dem Hexenteich

Früher, als die Leute noch an Hexen galubten, soll sich in der Gegend um Oberschönau eine merkwürdige Begebenheit abgespielt haben.

Auf der Blockwiese soll einst ein großer Teich gewesen sein, der sogenannte Hexenteich.

Als nun einmal einige junge Burschen aus Oberschönau auf die Bermbacher Kirmes gingen und erst spät in der Nacht heimkehrten, sahen sie plötzlich auf dem Hexenteich eine schneeweiße Ente schwimmen.

Gleich hieß es: »Doas es ä Häx, doas es ä Häx!«

Einige fürchteten sich und wollten nicht weitergehen. Aber einige beherzte Burschen schlichen sich an den Teich heran und wollten die Ente fassen. Die aber erhob ein kreischendes Geschrei und flog davon.

Die Burschen beschlossen nun, dem Tier aufzulauern.

Jeden Abend kamen sie, konnten aber das Tier nicht fassen. Da fanden sie sich einmal früher zusammen, nicht lange, und die Ente flog heran. Schnell fingen sie die Männer und nahmen sie mit nach Hause.

Als sie am anderen Morgen nach ihr schauten, war sie wieder verwandelt. Vor ihnen lag ein häßliches Weib, das einer Nachbarin sehr ähnlich sah. Sie galt nun im Dorf als Hexe und wurde verbrannt.

8. Die Musikanten auf dem Großen Hermannsberg

Es war zu jener Zeit, als überall im Land Musikanten herumzogen, um sich neben ihrem geringen Verdienst hier in den Dörfern und Städten mit Musizieren noch ein wenig Geld hinzuzuverdienen. So gab es gerade in den Walddörfern und den Städten Thüringens viele Musikanten, die schlecht und recht spielten. Es klang ja manchmal nicht schön, aber laut, und das mußte ja gerade sein, wenn irgendwo etwas los war.

So machten sich die Musikanten verschiedener Orte auf den Weg. wenn sich da und dort ein Fest ankündigte, waren es nun die Kirmes, Hochzeitsfeiern oder ähnliche Veranstaltungen. Zu jener Zeit gab es ja weder Auto noch Moped oder Fahrrad. Jeder ging zu Fuß, der Weg war manchmal weit und auf den schlechten Straßen sehr beschwerlich. Man erhoffte sich nach so einem Aufwand auch ein gutes Ergebnis.

So rückte die Kirmes von Oberschönau heran. Alles, was Musik machen konnte, schien dorthin auf den Beinen zu sein. Auch ein Trupp Spielleute kam von der anderen Seite des Waldes in dem Dorf an. Herrliches Wetter lag über dem Schönauer Grund, so recht zum Kirmesfeiern. Unsere Musikanten, von denen wir hier hören wollen, zogen nun durchs Dorf von Tanzboden zu Tanzboden, doch alle waren schon mit Spielern besetzt. Traurig kehrten sie um und zogen wieder heimwärts.

Als sie so dahinschlenderten und am Fuße des Großen Hermannsberges angekommen waren, kamen sie auf den Gedanken, auf den Gipfel des Berges zu steigen. Sie wollten einmal die schöne Welt von oben ansehen.

Wie gedacht, so getan, sie kraxelten alle hoch. Als sie oben angekommen waren, ließen sie sich zwischen den Steinen nieder, um sich auszuruhen und die Thüringer Berge anzuschauen. Ja, wie nun einmal richtige Musikanten sind, da zog der erste sein Instrument aus der schützenden Decke hervor, stimmte ein Lied an, während die anderen gleich seinem Beispiel folgten und ebenfalls die Instrumente zur Hand nahmen. Einer nach dem anderen stimmte in das Lied des ersten mit ein.

Herrlich klang ihr Konzert über die Wipfel des dunklen Waldes, und das Echo brachte die lieblichen Melodien, die mit Hingabe von den armen Musikanten gespielt wurden, zurück. Einige der Männer sangen in ihrer Mundart mit voller Stimme die Texte dazu.

Als sie nun mitten im Musizieren waren, tat sich ihnen der Berg auf. Ihre Musik verstummte. Mit Zögern traten sie ein, Klampfe, Klarinette und Trompete in den Händen haltend. So kamen sie bald in einen großen Saal, in dem lange Tafeln standen, die mit kostbaren Speisen und Weinkrügen beladen waren.

Kein Lebewesen lud sie zu Tisch. Nun, ihre hungrigen Mägen besorgten die Einladung, und so ließen sie sich an den langen Tischen nieder, aßen und tranken nach Herzenslust. Die armen Burschen waren glücklich über all das Schöne, das ihnen in ihrem trostlosen und armseligen Leben zum ersten Male geboten wurde. Aber was macht ein richtiger Musikant, wenn er sich sattgegessen und -getrunken hat? Er greift zu seinem Instrument und spielt voller Dankbarkeit. Das haben diese Männer auch getan. Sie spielten lustige Weisen, wie sie noch nie zuvor auf ihren Instrumenten erklungen waren. Es war ein Dankeschön für den unsichtbaren Gastgeber. Die in Oberschönau abgewiesenen Spielleute feierten so ihre Kirmes hier oben auf dem Großen Hermannsberg.

Wie lange nun das fröhliche Gelage mit Musik wohl angehalten haben mag, konnte keiner danach sagen. Bald war einer nach dem anderen eingeschlafen. Als sie erwachten, saßen sie wieder auf der Felsenklippe wie vorher. Alles erschien ihnen wie ein Traum. Nur das Gold, das jeder in seiner Tasche hatte, bezeugte, daß sie in einem verwunschenen Berg aufgespielt hatten.

Voller Freude zogen sie wieder talwärts. Wie es nun die Leute machen, zu denen auch unsere Musikanten zählten, sie teilten ihr Glück, das ihnen auf dem Berg hold war, den anderen mit. Sie zogen deshalb wieder nach Oberschönau zurück und berichteten von ihrem großen Erlebnis. Im Nu waren die anderen Musikanten von den Tanzböden verschwunden. Sie machten sich auf den Weg zum Hermannsberggipfel, um auch da oben aufzuspielen. Mit Hallo und Trara zogen sie den Berg hinauf. Ihre Gedanken waren aber nicht bei der Schönheit der Landschaft, sondern bei Essen und Trinken,vor allem jedoch bei dem Gold.

Sie kamen aber dort oben übel an. Die Radaubrüder wurden mit einem Hagel von Steinen empfangen, dabei gab es die empflindlichsten Ohrfeigen und Prügel, wie der Volksmund berichtet. Sehr schnell führte sie der Weg den Berg hinunter. Die armen Spielleute waren mittlerweile am Rennsteig angekommen und zogen fröhlich mit Musik ihrem Heimatdorf auf der anderen Seite des Thüringer Waldes zu.

9. Die Sage von dem alten Wein auf dem Großen Hermannsberg

An einem Neujahrsabend soll es gewesen sein, als in der Schänke zu Oberschönau einige Gäste von auswärts saßen. Es war gerade die Zeit herangerückt, wo man sich gerne geheimnisvolle und spannende Geschichten erzählte. So manches Jägerlatein und Schwindelhistörchen wurden zum besten gegeben.

Dem Bier und dem Wein hatte man schon tüchtig zugesprochen, so daß es ziemlich laut in der Wirtsstube zuging. Als man jedoch auf die geheimnisvollen verschwundenen Schätze in den mächtigen Bergen zu sprechen kam, da war das richtige Thema gefunden.

Man sprach von dem alten Wein, der noch fuderweise in den verborgenen Kellern des Großen Hermannsberges lagern sollte. Da rief der lange Frieder mit lauter Stimme: »Herr Wirt, schafft uns schnell einige Flaschen des guten Weines vom Berg herbei, damit wir den Verwunschenen dort oben ein glückliches Neujahr zuprosten können!« Der kleine dicke Wirt, der sich ausnahmsweise zu Silvesterabend auch ein wenig hatte mit »vollaufen« lassen – es kostete ihm diesmal nichts – fühlte sich in seinem Element, lachte aus vollem Halse und eilte vom runden Stammtisch weg zur Ofenecke. Dort saß die Magd, die hinter dem Spinnrad eingeschlafen war.

»Wach auf, Lisette! Geh’ hinauf zum Großen Hermannsberg und hole uns eine Flasche Wein von dem ältesten und besten!«

Nach diesen Worten kehrte der dicke Wirt grinsend und kichernd zu den Gästen zurück.

Die Magd Lisette, noch halb schlaftrunken und auch sonst ein wenig naiv, verließ sogleich mit einem Henkelkorb das Haus, nachdem sie sich noch schnell einen schwarzen Heitlappen umgebunden hatte. War das ein Spaß bei den Zechern, als sie sahen, wie das Mädchen durch die Schankstube latschte und im Dunkel verschwand. Das dröhnende Gelächter konnte man weithin hören.

Doch bald fing einer eine neue Geschichte an, und schon war der Spaß mit der dummen Magd vergessen.

Die lustige Runde saß noch lange um den Eichentisch, als plötzlich die Tür aufging und die Magd wieder in den verräucherten Schankraum trat und den verdutzten Männern eine mächtige, arg verstaubte Flasche auf den Tisch stellte. Alle staunten abwechselnd die Flasche und die Magd an. Auf die Frage des Wirts, wo sie die ganze Zeit gesteckt und was die Flasche zu bedeuten habe, antwortete die Magd unbefangen: »Ei nun, Ihr schicktet mich ja auf den Hermannsberg, um dort eine Flasche Wein zu holen, und das habe ich getan!«

Von wem sie aber die Flasche bekommen hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen. Die Männer sahen sich eine Weile nachdenklich an. Nach und nach wich der schwere Geist des Alkohols für einige Zeit von ihnen. Es überlief sie aber doch ein wenig das Gruseln, und sie machten sich über das soeben Geschehene ernsthafte Gedanken.

Nicht allen ging es so. Der lange Frieder faßte sich ein Herz, öffnete den Verschluß der Flasche und goß die leeren Gläser wieder mit dem funkelnden roten Saft voll.

Bald hatten die anderen ebenfalls ihre Fassung wiedererlangt und probierten den Zauberwein. Sie brauchten nicht lange, um festzustellen, daß sie solch einen Feuerwein noch niemals getrunken hatten. Ja und bei diesem herrlichen Getränk hatten sie doch ganz und gar vergessen, den Verwunschenen da oben auf dem Großen Hermannsberg zum Neujahr zuzuprosten!

10. Das versunkene Dorf im Ebertsgrund

Oberhalb des Asbacher Tales liegt der Ebertsgrund. Hier befand sich eine Wüstung mit dem Namen »Eberts«.

Ein fleißiges Völkchen soll in dem Dorf im Ebertsgrund gelebt haben. So berichtet die Sage. In den nahen Asbacher Bergen haben die Männer als Bergleute nach Kupfer, Kobalt und Eisen gegraben. Durch Fleiß kamen die Bewohner zu Reichtum und Ansehen. Stattliche Häuser sollen hier gestanden haben. Doch all der Reichtum hat die Bergleute und ihre Familien von den ererbten guten Sitten entfremdet, so daß sie mit Schwelgen und Prassen, mit Laster, Lug und Betrug die »Geister« zornig stimmten.

Eines Tages war das Schicksal des Dorfes besiegelt. Nur ein Mädchen aus Springstille, die in dem Dorfe »Eberts« bei einem Bauern als Stallmagd arbeitete, entging dem Verderben.

Ihre Blicke sahen noch einmal zurück, als sich eine unheimliche Schwüle und Stille über das Dorf legte. Dann wurde es zusehends dunkler, so daß es wie Nacht über dem Ort war. Ein furchtbarer Sturm kam auf, und plötzlich sanken die Häuser tiefer und immer tiefer in den Erdboden, bis sich zuletzt der Boden über ihnen und der Kirche wölbte. Nur ein goldenes Kreuz bezeichnete die Stätte, die höchste Spitze des Turmes ragte noch hervor.

Als am Montag darauf das Mädchen zurückkam und das Dorf nicht mehr fand, eilte sie, von Grauen gepackt, wieder nach Hause. Es dauerte nicht lange, und sie kehrte mit den Dorfbewohnern von Springstille über den Berg zur Unglücksstelle zurück. In dieser Zeit war auch der letzte Rest verschwunden. Nur ein Hügel deckte wie ein großes Grab die Stelle, wo einst die Kirche stand. Mann und Maus hatte die Erde verschlungen!

Aber noch lange Jahre nachher wollten Leute aus dortiger Gegend, wenn sie ihr Ohr auf den Boden legten, das Krähen der Hähne und Läuten der Totenglocke in dem versunkenen Dorf vernommen haben.

11. Der Tannenbusch von Viernau

1. Förster Jakob lebt in Viernau;

Den hat oft manch Spuk geneckt.

Ging er nachts in seinem Walde,

Ward der oftmals aufgeschreckt.

2. Wenn auf Anstand er gegangen,

Und ein Hirsch zum Schuß ihm kam,

Trat ihm vor die Büchse eine

Tanne, die die Aussicht nahm.

3. Rückt er seitwärts auch die Tanne

Rückte nach und er schoß nichts;

Ging er dann zum andern Platze,

Ward er auch zum Spott des Wichts.

4. War zwar dann der Busch verschwunden

Doch der Hirsch, der war es auch;

Und so ärgert er sich weidlich;

Denn so war es täglich Brauch.

5. Da ging er nach Dreißigacker;

Ein Scharfrichter wußte Rat:

»Kommt der Busch euch vor die Büchse,

Mit Hirschfänger putzt ihn grad!«

6. Wieder ging der Alte Förster

Auf den Anstand. Da, ein Hirsch!

Auch der Busch stand vor dem Laufe!

Heute gibt es bess’re Pürsch!

7. Mit dem Fänger putzt er kräftig

An dem Busch! Welch hartes Holz!

Alle Zweige blieben sitzen,

Das Gewehr – der Teufel hol’s! -

8. Kriegte manche schöne Scharte,

Und Freund Jakob ging nach Haus,

Hat genug vom Buschausputzen,

Ruht von jener Jagd sich aus.

9. In der Zeit des Tannenjagens

Ward in Viernau eine Frau

Sterbenskrank, an Arm und Beinen

Waren Wunden rot und blau.

10. Keiner wußte, wie’s gekommen,

Jakob dachte sich sein Teil.

Eine Hexe wollt’ sich rächen

An dem Förster alleweil.

11. Oft hat sie im Wald gestohlen,

Und der Förster schrieb sie ein;

Waldbuß’ mußt sie manchmal leisten;

Davon wird’s gekommen sein!

12. Die Sage vom Fahrsamen

Auf dem Wege von Viernau nach Benshausen ist eine Waldblöße, dort spukt der Geist eines Jägers. Dieser hatte einst zur Zeit der Sonnenwende um die Mittagsstunde ein weißes Tuch ausgebreitet, um Fahrsamen zu gewinnen. Er erhob dabei sein Gewehr und schoß gegen die Sonne. Da fielen 3 Tropfen Blutes auf das Tüchlein herab, das er sorgfältig zusammenfaltete und zu sich steckte. Mit dem Blut war Fahrsamen heruntergekommen.

Freilich hatte er dadurch seine Seele dem Teufel verschrieben. Er wußte von nun an, wann er sterben würde, ja er sagte seinen Todestag sogar voraus. Als dieser kam, verschied er mit einem fürchterlichen Schrei. Sein Geist aber sitzt jetzt dort am Wege auf einem Stein und hat wie der Wode drei weiße Hündlein bei sich, eins zu jeder Seite und eins auf dem Schoße. Die Hündlein aber weichen nimmer von ihm.

Zum Bericht

Autor: Gerhard Roos

Aus der Ortschronik von G. Neugebauer bzw. der Sagensammlung »Vom Inselsberg zur Stopfelskuppe bis zum Herrmannsberg« von Helmut Kirchner. Veröffentlichung in den Heimatheften.