Zu den regionalen Mundarten

Ein Bericht von Gerhard Roos.

Dieser umfangreiche Bericht beleuchtet die Mundart der Region. Zunächst werden einige Gedanken zum Stellenwert der Mundart in der heutigen Zeit gegeben. Dann, ausgehend von der Besiedlungsgeschichte und regionalen Besonderheiten, werden die Ursachen der diversen mundartlichen Ausprägungen erläutert. Mundartstücke aus der unmittelbaren Region und zahlreiche aus Viernau werden vorgestellt. Schließlich folgt eine kleine »Übersetzungsliste«.

1. Die Mundart im 21. Jahrhundert

Die Mundart ist noch nicht ganz ausgestorben, aber sie hat sich verändert und verändert sich laufend. Zeitbedingt gibt es überall Auflösungserscheinungen. Als Außenstehender vermutet man, daß in Bayern noch eine echte Mundartpflege erfolgt. Doch ich sage, dies geschieht auch nur noch in den Heimatvereinen. Eine sehr wichtige Komponente auf diesem Gebiet ist die Pflege der Bauerntheater mit ihren Volksstücken. Man muß feststellen, daß diese Art von Heimatpflege selbst von Touristen, obwohl sie manchmal kaum etwas verstehen, angenommen wird. Ähnliches ist auch aus anderen Teilen der alten Bundesrepublik zu berichten. Die Volksstücke spielen meist von der Heimat, von einer unglücklichen Liebe oder von einem alten dörflichen Ereignis. So eine Aufführung bringt dann das ganze Dorf in Bewegung. Auch wer nicht selbst mitspielt, der fiebert mit.

1.1. Mundartpflege in der DDR

In unserem Teil von Deutschland ist die Pflege solch eines Theaters durch das Diktat des Staates in den letzten 50 Jahren eingegangen. Es durften keine Volksstücke, mit der Begründung: das sei ein Delikt aus einer vergangenen Zeit, gespielt werden. Und die vorgeschlagenen neuen Stücke kamen bei den Laienspielern und Zuschauern nicht an. Immer neue Auflagen wurden erfunden, so daß das Theaterspielen nicht mehr möglich und in den 50er Jahren gänzlich einging.

Bis 1933 bestand auch in unserer Thüringer Heimat, fast in jedem Ort, ein Theaterverein. Mit dem Neuanfang 1945 versuchte z. B. in unserem Ort der Männergesangsverein, Heimatstücke auf die Bühne zu bringen. Ich denke dabei z. B. an das Volksstück »Der letzte Schulze von der Lütsche« oder Schwänke wie z. B. »Kater Lampe«. Solche Stücke mußten in der Regel mehrere Male aufgeführt werden und das ganze Dorf war begeistert. Aber bei der Obrigkeit löste das keine Begeisterung aus. Selbst die ehemalige Waldbühne in Suhl (Arbeitertheater) zerfiel. Einst wurden dort auf dieser Bühne die Volks- und Mundartstücke von Julius Kober gespielt.

1.2. Fortschritt und Mundart

Ob wir heute noch von einer echten Mundart unserer Heimat sprechen können, ist auch in meiner Generation fraglich geworden. Mit der ständigen Verbesserung der Verkehrswege und die sich laufend verbesserte Anbindung der Dörfer an die Städte wandelte sich auch die Sprache. In den Städten wurde schon viel früher eine andere Sprache gesprochen. Die Dörfler kamen nun immer mehr in eine Zwangslage. So mußten sie in der Schule, später in der Berufsschule und dann am Arbeitsplatz sich der Umgebung anpassen und Hochdeutsch sprechen. Um die Benachteiligung der Dorfkinder wegen ihrer Sprache gegenüber denen in der Stadt abzubauen, veranlaßte die Eltern, nun auch in den Dörfern mit ihren Kindern Hochdeutsch zu reden. Das war nun endgültig das Ende der Mundart. Hinzu kam noch in unserem Teil Deutschlands die enorme Veränderung in der Landwirtschaft. Mit der Gründung in den Bauernhäusern hatten sich die alten Bezeichnungen für Geräte und im Umgang mit den Tieren über viele Generationen erhalten. Es handelte sich dabei um eine unverfälschte Sprache.

Der Gebrauch dieser Bezeichnungen ging nun mit dem Einzug der Technik und durch die Reduzierung des häuslichen Viehbestandes auch verloren. Die neue herangewachsene Generation kann mit vielen Bezeichnungen nichts mehr anfangen.

Beispiel: Tierbefehle

Wer kann z. B. die Tierbefehle: Hareweck (links), Hodeweck (rechts) oder Ö haa und Prrr (Stehenbleiben) noch deuten? Sie waren aber die Befehle, die der Fuhrwerklenker für seine Tiere in Anwendung brachte.

Ja selbst vor der häuslichen Wirtschaft machte die Technik keinen Halt. Die größten technischen Sprünge wurden in den letzten 20-30 Jahren gemacht. Allein der Einzug und die ständige Verbesserung der Rundfunkgeräte, der Einzug des Fernsehzeitalters, fast jeder Haushalt bekommt Telefon, der Haushaltgeräte zur Erleichterung der häuslichen Arbeit. Es tauchen die Begriffe Mixer, Mikrowelle, Spülmaschine usw. auf, um nur einige zu nennen. Der Schüler weiß sofort damit etwas anzufangen, denn er lebt mit diesen Geräten. Mit den neuen Begriffen im Haushalt ändert sich auch die Umgangssprache. In der Bekleidungsindustrie haben fremdartige Ausdrücke, meist aus der Chemie, für die Textilarten (Nylon, Perlon, Igellit usw.) Einzug gehalten.

Einfluß der Besatzungsmächte

Auch die Besatzungsmächte brachten neue Begriffe in unsere Heimat. Auf der sowjetischen Seite z. B. Datsche für Wochenendhaus, auf der westlichen Seite Job für einen Arbeitsplatz.

Wir stellen also fest, daß mit dem Einzug des Fortschrittes im Beruf, mit der ständigen Verbesserung der Verkehrswege und durch die Erleichterung der Hausarbeit die schöne alte Mundart nach und nach verloren geht. Dabei bleibt es dahingestellt, ob der Fortschritt wirklich ein Fortschritt für die Menschheit im allgemeinen ist! Ich möchte in diesem Zusammenhang nur auf die ständig zunehmende Belastung der Umwelt aufmerksam machen.

Die Sprache, die Landschaft, das Klima und die Umwelt, das alles zusammen, macht den Begriff Heimat erst richtig vollwertig.

Aber es gab auch schon früher die sogenannten Generationswechsel.

Bezeichnungen für die Großeltern

Zu meiner Kinderzeit, in den 30er und auch 40er Jahren war die Großmutter meine Fraeller und der Großvater mein Moeller. Bei meinem Sohn wurde nun ca. 20 Jahre später dies Oma und Opa. Im Ort gab es sogar den Spitznamen Ellerbest, das heißt er war Großmutters Lieblingssohn.

Obwohl die Märchenerzähler, die Gebrüder Grimm schon vor ca. 200 Jahren in ihren Märchen ausschließlich die Begriffe Großvater und Großmutter verwendet haben, haben sie sich in unserer Heimat nicht durchsetzen können. Es werden heute noch, in den ABC-Büchern, im Umgang und zum Erlernen der Rechtschreibung Opa und Oma gelehrt.

Bezeichnungen für angeheiratete Verwandte

Bei meiner Eller war der Schwiegersohn der Oidem (Eidam) und die Schwiegertochter gar die Schnur! Davon spricht heute keiner mehr. Es käme auch gar keiner auf die Idee, plötzlich wieder diese Bezeichnungen anzuwenden, man würde sagen, der kommt doch aus einer anderen Welt! Ja die meisten könnten mit dem Begriff Schnur gar nichts anfangen.

Das sind aber Beispiele, deren Umwandlung wir in den letzten 50 Jahren miterleben konnten.

2. Wer waren unsere Vorfahren

Es ist bekannt, daß der Rennsteig nicht nur eine Wetterscheide sondern auch eine Sprachgrenze ist. Man spricht nördlich vom Rennsteig die thüringische und auf der südlichen Seite die nördliche fränkische Mundart. In der Umgebung von Sonneberg spricht man gar von der mainfränkischen Mundart. Die aufgezählten Mundartgruppen sind natürlich mit örtlich unterschiedlichen Dialekten durchsetzt.

Von der Besiedlung unserer Gegend zeugen u.a. die Hügelgräber bei Schwarza. Ein reicher Fundus von Schmuckstücken läßt auf die Mittelbronzezeit schließen.

2.1. Die Kelten

Ab 400 v.u.Z. drangen keltische Stämme aus einem Gebiet zwischen Ostfrankreich und dem Böhmischen Becken in große Teile Europas vor. Aus Berichten von alten Geschichtsschreiben geht hervor, daß in Mitteleuropa die Kelten etwas südlich und die Germanen etwas nördlich lebten. In Thüringen stoßen beide aufeinander und an den Rändern kommt es zur Verzahnung der beiden Siedlungsgebiete. Dabei spielen die Kelten eine wichtige Rolle. Sie bringen die Produktionsverfahren der Eisenverhüttung und deren Verarbeitung direkt vom Mittelmeerraum in unsere Heimat. Deshalb lassen sie sich auch meist dort nieder, wo Bodenschätze vorhanden sind. Mit der Anwendung der Töpferscheibe konnten sie auch ihr handwerkliches Können unter Beweis stellen. Man vermutet, daß vor allem Handwerker und Erzsucher die Besiedlung von kleinen Dörfern vornahmen oder in bereits bestehende Siedlungen sich unter die heimische Bevölkerung mischten.

Wichtige Kultplätze und Verteidigungsanlagen zeugen heute noch von ihrem Wirken, z.B. die Steinsburg bei Römhild und der Große Dolmar. Letzteren aus dem Keltischen zerpflückt, ergibt die folgende Deutung: Dol (Tisch oder Tafel), mar, mur, mor (Steingeröll); daraus läßt sich Tafelberg mit Steingeröll deuten!

2.2. Die Hermunduren/Thoringi/Thüringer

Tacitus, römischer Staatsbeamter und Geschichtsschreiber, hat hervorragende antike Berichte über Germanien geschrieben. So schreibt er, daß zu Beginn der Zeitrechnung im heutigen Thüringen die Hermunduren siedelten. Diese Bezeichnung bleibt bis zum Ende des 2. Jh. bestehen. Doch um das Jahr 400 sind diese Bewohner die Thüringer. Sie werden als Thoringi bezeichnet. Dieses Volk gründete dann im 5. Jh. das Thüringer Königreich.

2.3. Die Franken

Die Franken sind aus verschiedenen Stammessplittern zusammengewachsen. So aus dem westgermanischen Stammesbund, am Mittelrhein und am Niederrhein. Im 9. Jh. entstand das Herzogtum Franken um Würzburg. Begrenzt wurde das Gebiet durch den Rhein, Main und dem Neckar. Franken ist heute das nördliche Bayern. Es gliedert sich in Ober- und Unterfranken.

2.4. Die Alamanen

Ein germanischer Stamm am Oberrhein und der Oberdonau; wurde um 500 von den Franken unterworfen. Sie sind in Schwaben aufgegangen. Ihre alamannische Mundart spricht man in Südbaden, im Elsaß und in der Schweiz. Sie wurden in unserem Gebiet nicht seßhaft.

2.5. Die Chatten/Hessen

Ein weiterer germanischer Stamm. Zu Beginn unserer Zeit haben sie die Kelten verdrängt. Die Chatten nennen sich später die Hessen. Das ist für den Fortgang der Besiedlung unseres Gebietes ein sehr wichtiges Ereignis.

In den Chroniken wird berichtet, daß im Jahre 58 eine Salzschlacht zwischen den Chatten und Hermunduren an ihrem »Grenzfluß« stattfand. Hier handelt es sich mit Sicherheit um das Werragebiet. In einer anderen Chronik wird auch von einer Burg der Chatten am Burgsee von Bad Salzungen berichtet, allerdings schon 60 v. u. Z. Das sind Hinweise darauf, daß nach der Abwanderung der Kelten die Chatten dieses Gebiet für sich genutzt haben. Man kann auch die Hermunduren (Thüringer) verstehen, daß sie dieses Gebiet für sich erobern wollten. Salz – das ist doch Leben und wurde oft höher gehandelt als Gold.

Über den Ort Salzungen ist nach einer Schenkungsurkunde aus dem Jahre 775 n. Chr. bekannt, daß er als »villa salsunga an der wisera« bezeichnet wurde. Die grenzmarkierte Werra war jedoch schon keine Grenze mehr, da das Königreich Thüringen bereits 531 im Krieg gegen die Sachsen und Franken zerfiel. So wurde bekanntlich der nördliche Teil von den Sachsen und der südliche von den Franken besetzt.

Bei jeder Besetzung und dann wieder durch deren Verdrängung, blieben immer wieder Siedlungen erhalten und neue kamen hinzu. Es kam zu einer Verzahnung zwischen den Stämmen. Familiäre Verbindungen bleiben nach und nach nicht ausgeschlossen.

Vom Norden her kamen aber auch die Angeln und die Waren. Sie gingen in der ansässigen Bevölkerung auf.

2.6. Die Angeln

Auch ein germanischer Volksstamm, aus der Gegend von Schleswig. In Britannien verschmolzen sie mit den Sachsen und wurden die Angelsachsen. Die Blütezeit ihrer Macht war unter Alfred dem Großen um 900.

Jetzt schon läßt sich die thüringische Sprache (nördlich vom Thüringer Wald) mit ihrem sächsischen Klang erklären!

2.7. Die Slawen/Sorben

Ab 700 bis 1250 bewegen sich die Slawen in unserer Gegend. Ihr Wohnsitz war im 1. Jh. im Gebiet am Dnepr. Man bezeichnete sie auch als die Sorben. Ihre Stoßrichtungen gehen in die Gebiete, die von den Germanen verlassen wurden, nämlich zwischen Elbe und Saale.

Unsere Chronik schreibt: »Kaiser Karl ließ einen Grenzwall errichten und schuf die Thüringer Mark« – es war in etwa die Saalelinie. Doch einzelne Kolonien der Sorben nisten sich jenseits dieser Grenzlinie ein. So werden im Verzeichnis der Güter des Klosters Fulda für Steinbach-Hallenberg und Rohr sorbische Ansiedler genannt. Für Rohr sogar 75 Ansiedler.

Jetzt können wir auch die Sprachunterschiede zwischen den einzelnen Orten besser erklären. So haben zum Beispiel die Steinbach-Hallenberger und die Niederlausitzer die Betonung in der Mundart auf dem »R«.

Zu diesem ganzen Abschnitt möchte ich eine Aufzeichnung von Herrn Eugen König, ein Zella-Mehliser, aus Kirchhausen bei Heilbronn 1971 sprechen lassen.

Eugen König, Stellungnahme im Abschnitt »Chronik von Mehlis«:

Der Chronist vermutet mit Recht, daß die ersten Siedler zu einem der zahlreichen kleinen Völkerschaften gehört haben, welche den großen Suevenbund bildeten. Als erste Volksnamen nennt er die Hermunduren und die Thüringer, die dann in langen Kämpfen dem mächtigen Frankenvolke unterlagen. Mit den Franken drangen vom Süden das Christentum in die Gebirgstäler ein… So wäre also als ziemlich sicher zu behaupten, daß der Ort Mehlis etwa im 8. Jahrhundert von den Wenden angelegt worden ist, was indessen die Möglichkeit nicht ausschließt, daß sich schon früher im Mehliser Tale einzelne Deutsche niedergelassen hatten.

3. Verkehrswege

Mit der Besiedlung der Gebirgstäler wurden auch Wege gesucht, den Rennsteig zu überschreiten. Bodenfunde belegen, daß solche Wege nach und nach festgeschrieben wurden und sie sich zwischen den Fuhrleuten auch herumsprachen. Es waren Naturwege, die durch häufiges Benutzen festgetreten und festgefahren sowie von den schlimmsten Hindernissen geräumt worden waren.

Ausspanne (Wechsel der Zugpferde)

Auf den Wegen zum Gebirge gibt es heute noch genug Flurstücke, mit der Bezeichnung »Ausspanne«, die auf die alten Wegführungen hinweisen. So gibt es die Suhler Ausspanne am Heuberg oder ganz in unserer Nähe die Ausspanne am Rothenbügel in Richtung Metz.

So führte unmittelbar in der Nähe unseres Ortes die sogenannte Hohe Straße, die von Meiningen kommend am Kleinen Dolmar vorbei über Altersbach zum Rennsteig weiter nach Gotha führte. Dieser Wegverlauf wurde in der jüngeren Zeit von der sowjetischen Besatzungsmacht als Verbindung der Truppenübungsplätze im Raum Gotha nach Meiningen genutzt.

Auf der anderen Seite führte die Wegverbindung über den Paßberg, der Metz in Richtung Ruppberg auch an unserem Ort vorbei. Es gilt nun sicher, daß es zwischen den größeren Wegen auch Verbindungen gab. Zur Belebung dieser Verbindungen haben mit Sicherheit die Fuhrwerke aus Benshausen beigetragen. Auf so eine Zwischenverbindung deutet auch das Flurstück die »Heilfuhrt« (Hellfuhrt) hin. Durch sie konnte man die Hohe Straße an der Grenze zwischen der Cent Benshausen und Schmalkalden bzw. in umgekehrter Richtung den Reifweg in der Nähe von Zella-Mehlis erreichen.

Naturgemäß kam es durch die Nutzer der Wege zu Übernachtungen, zu größeren Ruhepausen für die Tiere in den Orten. Damit blieben auch familiäre Verbindungen nicht aus. Ein weiterer Beitrag zur Besiedlung unserer Heimat, aber als Einzelperson und nicht als Volksgruppe! Die jeweilige Person nahm dann auch sehr schnell die Mundart des Wohnortes an.

Als eine Zusammenfassung und zur besseren Übersicht der Besiedlungsgeschichte in unserer Heimat möchte ich die nachfolgende Zeittafel werten.

4. Eine kleine Zeittafel

400 vor unserer Zeit kommen die Kelten

mit dem Beginn unserer Zeitrechnung verdrängen die Chatten (Hessen) die Kelten; es entstanden die Stammesverbände der Franken, der Alemanen, Sachsen und der Thüringer im 5/6 Jh.

454 entsteht das Thüringer Reich – aber 531 unterlag es den Franken

von 700 bis 1250 kommen die Slawen

von 800 bis 1400 kommen die Deutschen.

Die Besiedlung des südlichen Thüringer Waldes erfolgte von der Werra her in die Täler hinein. Das kommt auch in der Ersterwähnung der einzelnen Orte zum Ausdruck:

795 Kühndorf

824 Rohr

827 Schwarza

827 Ebertshausen

833 Christes

841 Mehlis

874 Schmalkalden

948 Springstille

1037 Grafschaft Henneberg

1228 Steinbach-Hallenberg

1274 Viernau

Benshausen

1330 Rotterode

1340 Altersbach

1382 Bermbach

1425 Herges-Hallenberg

1584 Unterschönau

1585 Oberschönau

Diese Betrachtung soll die Grundlage für die unterschiedlichen Dialekte in den Ortschaften verdeutlichen. Denn mit der zeitlich verschobenen Besiedlung ließen sich auch unterschiedliche Volksgruppen hier nieder. Ursachen der Besiedlung kann die gute Lage, die Bodenschätze aber auch der natürliche landschaftliche (Wald und Berge) Schutz gegenüber Räuber und Kriegern gewesen sein.

Es ist nicht unbekannt, daß die Ortschaften auch von einem typischen Handwerk beherrscht wurden. So zum Beispiel in Bermbach von dem Köhler- und Viernau von dem Weberhandwerk. Ich möchte nun diese Betrachtung nicht weiter vertiefen, aber die Mundart wurde durch die jeweilige Tätigkeit mit geprägt.

Es muß erwähnt werden, daß auch die Mundart in einem Dorf von der Nähe zu einer Stadt stark beeinflußt wurde. So konnten in den Dörfern, die von einer Stadt entfernter lagen, länger an der alten Sprache festgehalten werden.

5. Zur regionalen Mundart

Im folgenden werden Mundartstücke aus benachbarten Orten gegenübergestellt, die aus bereits veröffentlichten Aufzeichnungen stammen.

Man kann nun selbst feststellen, welche unterschiedlichen Bezeichnungen es für Begriffe oder Tätigkeiten gibt. Es gibt Wörter, die werden in den einzelnen Orten gleich gesprochen und geschrieben, aber im großen und ganzen ist die Betonung doch etwas anders. und das kommt in der Schreibweise nicht zum Ausdruck. Die ausgewählten Stücke spiegeln aber auch den Trend und meine Befürchtung wider, daß die Mundart zur humoristischen Unterhaltung dient. Es spielt natürlich auch der Schreiber und seine Stellung in dem jeweiligen Ort eine Rolle, so ist mir bekannt, daß der Herr Georg Neugebauer, ein gebürtiger Schlesier ist und aus seinem Empfinden die Mundart deutet.

Letztlich bleibt es dem Leser überlassen, daraus vergleichbare Ausdrücke und Begriffe zu deuten:

5.1. Benshausen: »Die Rengboh«

Die deck Hanne es in Berlin beönner Schwägere zu Besuch gewaast,
kömmt aber en Tag speeter hai, biss ön Mo geschriebe hat.
Ör Mo frägt se daröm und das sprecht se: »Ja, wäiste Hannes,
in Berlin warsch ja ganz hüsch,
bluisais hat me net gefaue.
Haiwattewch bin ich nämlich mit der Rengboh gefarn,
on weil die Berliner nu au so dörre sen bi e Bohnestange,
hon se a ör Zugtür ganz schmau lass mach,
daß ich vürschich gar net nei kam. Als ich aus will steig,
will ich a widder hennerschich nau, bi ich reigekomme bin,
doch jedesmoal, a ban ich döicht, ich war bau döisse,
pfoof der Vürsteher a, on der Schaffner stufft mich ömmer
wieder nei ins Abteil mit den Wortene:
»Immer rin, wenn se noch mitwollen!«

Karl Weise

5.2. Bermbach: »Füeerschloag för ä Bärmicher Hymne!«

Bärmich, Bärmich üwer alles
üwer alles offer Wält
vonner Krömm bis nü ins Tiechel
vonner Möll bis nuff ins Fäält
doa macht sich ons Dörfle braet,
alles ons Gerächtichkaet.

Hüetes, Schnetzflaesch on Gefooltes
hunme gärn off onsen Tiesch
hunn a goar ness izewänne
gäche Broate odder Fiesch.
Schösselwuescht on Hefedäitscher
doas es halt ons Ideoal
Bärmich, Bärmich alles üwer
alles Annere es ägoal.

Reinhold Thomas

5.3. Dillstädt: »Die letzt Mettwochshochzich« (Auszug)

1. Beröm isMettwochskerche haüt?
so fracht e fremer Moo.
Doas Wachers Köpple hoat gefreit,
fengt haüt sen Ähestaand oh.

2. Führt haüt sä Grät zum Altoar hie,
sä Scharlachwest oo.
Sü truch zwä hohe Schnalleschüh,
haüt möächt me Stälze dro.

8. Musik verstätt sich woar bäwää.
E Bauer spielt doart flott
die Spargelflinte. Nä Gott nä,
doas Denk haißt ja Fagott.

16. Die Mode hoat moancher Fraa
am Wohlstaand tuitgeschlöh.
So warsch bä Mettwochshochzich ah,
des meist wuer fortgetröh.

Johann Wagner I. Dillstädt

5.4. Kühndorf: »Sonndichspoziergaang«

Gott sei Dank, die Woch es röm, morn getts offn Dolmar !
Mi losse all die Sorge dehem on a dan ganze Archer.
Mittog warn arscht Hüetes gemocht on a glaich gegesse,
es Gescherre offgespüelt, nare luus, weil me noffwoarts mösse !
Die Haustüer zu, zur Pforte naus; Ja Mo, bi womme laff?
Migen dorchs Schloos dr Bräugass hent en Lange Barg dronoff.
Arscht mo en Goarte naigeguggt, die Wüelmäus den noch doe.
Dr Milan owe sen krais, dr Kehr krescht en den Bämern.
Die Schuttplätz sen all offgeräumt, gekost hoats ons vill Müe.

Och bi schüe die Sonn ons schaint es so bointich.
Owe be der Lenne hocke me ons off die
Bank on gugge üwer onser Duurf.
Mi wöllte nergends annerscht hie.
Wedder getts dr Grube hie off die Dolmerstross,
doa komme schu die Auto o, boans ons goar net basst.
Drom gemme a glaich düwe noff noach n Gänsroase zu.
Bu en Wolf se Hütte sting, fliecht e Schwoarzspecht vür.
Hoch owe segeln Bussard, es sennere Stöcker fönef,
sie losse sich vom Flieger überhopt net stür.

Offn Tiergoartner Waag stett widder e Bank,
doa gugge me arscht mo en die Runde;
me ko en gaanze Wald geseh on bis noa en Köhlerschgroind.
Vom Ruppbarg bis on die Glechberg hi,
die Regenburg löcht dezwesche ganz schnäeweiß zu ons rü,
mi gen nu noff noach n Staibruch zu üwern Pfannekoopf noach dr Ewet.

Endlich owe!
Boas es so schüe offn Barg ze sten en Gottes freier Noatur,
en Himmel e Stöck nöener ze sen, es gitt nis Schünneres mee.
Nu wörd arscht rü on nü geguggt, öb me en Inselsbarg sitt odder nie,
en Krözbarg on die Wasserkupp, die Sicht es jo heut wonnerschüe.
Ich könnt stonnelang so gegugg on ko die Kelten gut verstee, vellecht
steckt jo a noch e glai Fiezele vonene en mie. –

Die Leut warn ömmer mee.
Me sitt so manch bekannt Gesicht on grüsst sich hi on doa,
macht a Schwätzle on left noachhar dr Schaise stail dronoa.
En letzte Blieg off Maininge, es Harz es weit on frei.
Nu gets hem mit neue Mut, die Gedaanke sen bi neu.

Nare gut, doass mi dan Dolmar hon, nis anneres tüt ons gut!
Lech wünsch me für ons Kenner on Kenneskender a,
doass ons dar Dolmar blait, för ömmer so,
bi e ömmer woar.

Elke Hergenhan

5.5. Schwarza: »Mei’ Wunschdraem«

Ich broch weder gor nis of dr Weld,
ke’Auto, ke’grüß Ozeziehe, ke’Geld,
bluis e’klae Häusle, och, dos werre schüe.

Es möst ganz aenzel owe on Waldrand stae.
E Stökle Feld möst a hennern Häusle sei,
do lähd ich me e bor Kordoffel nei.
E bor Ruiseströchle on e Baank denawe,
nocher brochd ich wedder nis, do werr mei Lawe.

Un ban zen Feierowed des Glöckle klengd,
di sonn so goldich hennern Barich versengd,
guck ich zefriede of me Schwoze hie
un hörch of en Waald se Meledie.
Schüe werr dos, ower es is hald so in Lawe,
gor manches, bos me sich wünscht, gedd oft denawe.
und solls hald doch nis mit dan Häusle sei,
mein Fleckle owe on Waldrand,
dan blei ich treu.

Emma Walther

5.6. Steinbach-Hallenberg: »Die Referenz«

Äss woarr ä Noalschmied, denn giengs nett guit.
Deshalwest wolle ä Gescheftle uufang.
Hä lief noach Goth (Gotha) u woll dort
allerlei Woar bestell.
Ä Kaafmuu hatt sich ball gefonne, deren die Woar
liefer woll.
Derr Nöalschmied bestahlt Arwes, :ense, Mierem,
Kaffä unn noch mener, ömmer än vörtel Zenner
vunn jeder Sorte.
Nu froigten derr Kaafmuu noach Referenze.
Doa meint mi Nöalschmied:
»Nu, doa konne Se me aa än hauwe
Zenner defuu gescheck!«

Dr. Volker Wahl

5.7. Unterschönau: »Der Tuchrok«

Hä es ju beßle schwier
bann die Sonn rächt schient,
un hä macht die Frawe nitt dönner,
babb aower ä fra än Ruchrok haot,
Därnaoch haot’sen för ömmer.
Sie haot för ör Lawe usgesoricht,
wäche ühr könnts kä Mode gegah
’mit öhm zwie Tuchröäckene kömmt’se us
an för die Hoihzich – un änn försch Metzegraos !

Christian Notnagel

5.8. Viernau: »Wie die Ellr in Chriesles war«

In Vierna’v soll Streutag sein. Oan Schubkoarrn hate ma
oaber kai Habe. Doa ging mei Ellr nach Chriesles und holt
Hoihabe. Und ob se zu Chriesles rauskömmt, wird’s Nacht; nu
hoat se sich ao gefurrt. Woar se a Stück geeilt, bis her oan Bücher
Berg, doa fing se oan un sprong. – Es woar err nämlich eigefalle,
daß sich doa a Schandarm hoat erschosse. Wie se anfeng zu sprenge,
doa fengs oa un klappert – un in serner doas se sprengt,
in mehre daas klappert. Se kriegt’s mit der Angst ze tun
un sprong zu bis raus oans Feld. Nu möest se sich a Bisle ausruhn,
na fängt se wieder oa un sprengt – do wird se gewoar woas bei errr klappert.

Se hat in Tiefsoak (Rocktasche) an Dreier,
an Fengerhut un an Schlüssel. Se ging nu recht hübsch soachte
noach hoi zu.

Georg Neugebauer

6. Zur Viernauer Mundart

6.1. »Om Deutscherröder Berieg«

Stehe ich om Deutscherröder Berieg on guck in mei Vierna,
da komme die Erenerunge ous der Kennerzeit.
Do sehe ich rechts im Tau die Plotzmöhl,
on ich weß es noch bi heut.
Es wor so korz nochem Krieg,
do zoche die Leut ous Mehl on ous Zell
mit nehm Rucksock fau mit Körner in die Möll.
Ich froacht mei Mouer boröm es dann dos so ?

Do sötze: »Mei Jöngle vergeß die Zeit jo niehe
on bist du aht, on a du wörst grohe,
dann söß deen Kenner on allen Leut,
dos es a sehr schwer Zeit !
Dann a jeder broucht a Stöckle Bruit zum Labe.«

Ower der Plotzmöhl es der Poßberieg.
On Kenner dos wor a mol a Berig mit sehr viell Wahd.
Gerod in menner Kennerzeit wur er noch em WEndbruch gerodt.
Mi Kend on Kechu so hon die Leut ausem Poßberieg
Äcker on a Wiese gemocht,
on dos ko ich euch gesöu – meist nehre
mit nehm trockene Stöckle Bruit !

Bie söut mei Moier – Jöngle vergeß die Zeit jo niehe,
on bis du aht on grohe, dann s’ß dein Kenner on allen Leut,
eß wor a sehr schwer Zeit !

Doch genau führme do es die Hesu, on dort hatteme a a Wieß, wie romantisch wor die Zeit im Sommer,
bann die Wieße wur gemoid.
Noch bo für mei Voter mit dem Zug zur Ärwet noch Mehls fuhr,
ging er früh um vier ins mehewe, domit die Frawe on die Kenner
om Tog konnte gerech on gewehn.

Do worn om Wasser noch schüne Weide on a Erlebämer,
im Wasser gos noch Furell.
Jo dos wor schu a romantisch Zeit on trotzdem söt mei Moier:
»Jöngle, vergeß die Zeit jo niehe, on bist due aht on grohe,
so söß denn Kenner on allen Leut, es wor a sehr schwer
ober a Zeit, bu der Nochber den Nochber noch kaant on a holf,
on es goh noch kenn Neid.
Es braucht ho Enner noch den Annere !

6.2. »Die Waterrechu die ömer gelt«

Dou giht’s a Lichtmeß, do giht’s die Eismänner,
oa a – a well Fra giht’s, die heßt Sofy,
dou giht’s an Siebeschlöfer on a Schoufskell
on viele anere Watertö.

Doch so viel weß ich, von denen es kei honerprozentig.

Mi ko gesprech, entweder es trefft zu,
dann stömß, oder es trefft niet zu – do stömß a.
Doch die Waterrechu, die a Heut noch gelt
on ganz bestömmt in honert Johr, die heßt:

»Bleckt der Göger auf en Mist,
änert sich dos Water oder es bleibt – bies is !«

6.3. »Voter, bos sen Steuer?«

Doas Jöngle frächt sen Voter:
»Bos sen dann Steuer ?«
Ho Steuer, mei Jöngle, das es Gäld.

»Jo Voter, ober bos für Gäld ?«
Ho Jöngle! Mei oder ons Gäld!

»On Voter, ber kriecht di Steuer ?«
Ho Jöngle, onser Stoat!

»On bos macht der Stoat nu mit onsem Gäld ?«
Ho Jöngle, der giehts aues!

»Jo Voter, der nimmt ons Gäld on giehts wieder aues !
Dos es ober komisch ?«

Jo mei Jöngle, der Stoat kassiert on giehts aues.
Dos es nämlich lecht.

Viell schwerer es, es zu verdiene !

6.4. Auswahl Viernausprech

Hauswirtschaft:

Bloese: Wasserschiff im Kochherd

Butterfost: Butterfaß

Houtzkoste: Holzkasten

Kasbern: Ein Hängeregal für die Käsebereitung

Seilappe: Abseihtuch

Stötze: Deckel

Wöschroumbu: Waschbrett

A-Kärtle: Ein halber Liter

Hockmantu: Mantel zum Tragen von kleinen Kindern

Wikuköse: Ein Kissen zum Einschlagen für Kleinkinder

Landwirtschaft

Dreschplähu: Dreschpflegel

Dreschmoschine: Mähdrescher

Hawer: Sense für die Getreidemahd

Leuse: Ein Wagenteil

Urtscheid: Geschirrteil (Kuhgespann

Zöschreche: Ein großer Rechen für die Getreideernte

Familie

Dod: Pat

Dode: Pate

Vetter: Onkel

Wöuse: Tante/Base

Berufe

Flurschötz: Wachmann in der dörflichen Flur

Houtzmacher: Holzhauer

Kenerfra: Hebamme

Schloitpfär: Schornsteinfeger