Der Turmneubau der Johanniskirche 1930

Eine Urkunde berichtet über Zerstörung und Wiederaufbau des Turms der Johannis-Kirche in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

1. Der Blitzeinschlag

Am 19. Juli 1929 entluden ſich nachmittags über Viernau mehrere ſchwere Gewitter und wenige Minuten vor 6 Uhr ſchlug der Blitz in den Kirchturm ein. Die Turmuhr blieb ſofort ſtehen und die Lichtleitung der Kirche wurde zerſtört. Der Turm begann zuerſt mit einer ganz kleinen Flamme in ſeiner Spitze zu brennen, doch war es infolge der großen Höhe und mangels einer Hochdruckwaſſerleitung wie auch einer Motorſpritze nicht möglich, den Brand im Keime zu erſticken und ſo konnte das ehrenwürdige Wahrzeichen unſeres Dorfes leider nicht gerettet werden, trotzdem die Freiwillige Feuerwehr von Viernau ſofort den Kampf gegen das verzehrende Element aufnahm und nach kurzer Zeit auch die Motorſpritze der Feuerwehr Steinbach-Hellenberg herbeigerufen wurde.

Der Turmknopf neigte ſich und ſtürzte bald herab, die Zifferblätter der Turmuhr folgten und Uhrwerk und Geläut fielen herunter. Die alte, große, wertvolle Glocke zerſprang in ihrem oberen Teil und wurde hernach im Pfarrhofe aufgehängt, wo ſie bis zur Vollendung des Neubaues wacker ihre Dienſte tut. Der Turm brannte vollſtändig aus, es blieben nur die Mauern ſtehen. Die Arbeit der Feuerwehr mußte ſich darauf beſchränken, das bereits bedrohte Kirchengebäude zu ſchützen. Das gelang, nur die hinter der Orgel im Turme untergebrachte Kammer der Orgel wurde ein Raub der Flammen und die Orgel ſelbſt wurde durch eindringendes Löſchwaſſer ſo ſehr in Mitleidenſchaft gezogen, das ſie ſpäter vollſtändig abgetragen werden mußte. Starke Beſchädigungen trug auch das Kirchendach davon. Trotzdem, alſbald die Gefahr beſeitigt ſchien, flackerte das Feuer noch nach 3 Tagen wiederholt auf, jedoch verhütete treue Wachſamkeit weiteres Brandunglück. Tränen in den Augen umſtanden viele Gemeindemitglieder die Brandſtätte und es wurde ſofort der Wunſch laut, den Turm möglichſt in der biſherigen ſtolzen Höhe als einen ragenden Wegweiſer zu Gott wieder aufzubauen.
Am folgenden Tage, einem Sonntag, fiel der Gottesdienſt aus. Man entdeckte an dieſem Tag aber ein Glück im Unglück:

Wie durch ein Wunder waren die Urkunden und Münzen aus den Jahren 1765, 1834 und 1871, die man damals in den Turmknopf eingelegt hatte, unverſehrt geblieben und gaben Kunde aus jenen Zeiten und das iſt um ſo wertvoller, als der größte Teil alter Akten 1872 bei einem Brand im Hauſe des damaligen Gemeindevorſtehers verloren gegangen ſind. Die Dokumente ſind inzwiſchen wortgetreu abgeſchrieben worden und werden dem Turmknopf, der ſie treu bewahrt hat, bei der jetzigen Wiederaufſetzung wieder anvertraut. Am nächſten Sonntag fand vormittags Leſegottesdienſt in den Verſammlungsräumen des Pfarrhauſes ſtatt und da ſich dieſe Räume als zu klein für die große Zahl der Kirchenbeſucher erwieſen, hielt der ſtellvertretende Geiſtliche, Pfarrer Dr. Lüttringhaus aus Benshauſen, den Hauptgottesdienſt nachmittags im Pfarrhaus ab.

Durch den Weggang des Pfarrers Hans Krammiſch eine Woche vor dem Brandunglück – war die Pfarrſtelle verwaiſt und ſo nahm der Kirchenälteſte Kantor Könitzer, die Vorbereitungen für den Wiederaufbau in die Hand.

2. Die Vorbereitungen zum Wiederaufbau

In den nächſten Tagen wurde die Brandſtätte geſäubert, dann wurden die Turmfenſter durch Holzverſchläge abgedichtet, ein proviſoriſches Turmdach aufgeſetzt und hinter der Kanzeltreppe der Kirchenraum vom Turmraume durch eine Holzwand abgeſchloſſen. Anſtelle der vernichteten Orgel ſtellte man das der Kirche gehörige Harmonium auf das Orgelpodium und nun konnten die Gottesdienſte bis zum 10. Auguſt 1930 wieder in der Kirche ſtanden. An dieſem Tage hielt Pfarrer Glaſer den Hauptgottesdienſt vormittags auf dem Schulhofe, Organiſt Methfeſſel den Leſegottesdienſt nachmittags im Schulſaale des alten Küſterhauſes ab. Die Bauleitung hat es ſich angelegen ſein laſſen, die Kirche ſo wenig wie möglich für gottesdienſtliche Feiern zu ſperren, und ſo werden vorausſichtlich nur noch wenige Gottesdienſte während des Neuanſtriches im Inneren der Kirche und des Geſtühls außerhalb des Gotteshauſes ſtattfinden müſſen. Über den Neubau können nicht alle Einzelheiten mitgeteilt werden, da er noch im vollen Gange iſt und vor Ende Oktober dieſes Jahres nicht vollendet ſein dürfte. Die neue Taufkapelle im Turm und das Kreuzgewölbe der Sakriſtei können ihren Anſtrich erſt im nächſten Frühjahr erhalten.

Zur Einweihung ſoll eine gedruckte Feſtſchrift erſcheinen, die den Bau in allen Einzelheiten beſchreiben und dem Pfarrarchiv in einigen Stücken einverleibt werden wird.

3. Der Wiederaufbau

Die Vorarbeiten, an denen ſich auch der für kurze Zeit zur einſtweiligen Verwaltung der hieſigen Pfarrſtelle abgeordnete Paſtor Hermann Anz, jetzt Pfarrer in Hohenziatz bei Magdeburg, eifrig beteiligte, dauerten faſt ein Jahr, und am 20. Juli 1930, genau ein Jahr nach dem Brande, konnten die erſten Hammerſchläge in der Kirche erklingen. Der Wiederaufbau begann, geleitet von den beiden Architekten Regierungsbaumeiſter a. D. Studienrat Walter Schneemann aus Erfurt und Architekt Wille Großklaus aus Viernau. Zugleich mit der Wiederherſtellung des Turmes wurden mancherlei Verbeſſerungen am Turme ſelbſt wie auch um und im Gotteshaus beſchloſſen, und allzeitig waren die Bemühungen, unſere Kirche in jeder Beziehung zu verſchönern und in engſter Anlehnung, an Einrichtungen und Geſtaltungen aus alter Zeit wieder herzuſtellen, wie auch unſchöne Einrichtungen aus neuerer Zeit zu beſſern oder zu entfernen. Ein Verzeichnis aller am Bau beteiligten Handwerker und Firmen liegt dieſer Beſchreibung bei.

3.1. Bauliche Veränderungen

Um die Glockenſtube höher zu bringen, damit das Geläut auch die entfernt wohnenden Chriſten unſeres ſich immer mehr vergrößemden Dorfes erreichen kann, wurde der geſamte Turm ſtatt der früheren etwa 32 bis 33 Meter, jetzt inſgeſamt 40 Meter hoch erbaut. Damit das Innere der Kirche fürderhin vor Feuerſgefahr geſchützt ſei, wurde eine feuerſichere Decke in ungefähr 8 Meter Höhe im Turm eingebaut und unter ihr ein Gewölbe eingefügt, da vor dem 30-jährigen Kriege zweifellos an derſelben Stelle ein Kreuzgewölbe vorhanden geweſen iſt. Freilich wurde es nicht wieder aus Bruchſteinen gemauert, ſondern in Rabitztechnik ausgeführt. Die neue Turmuhr, von der gleichen Firma wie die vorherige geliefert, erhält vier Zifferblätter am Turm, Viertelſchlagwerk, Stundenſchlagwerk und Nachſchlagwerk wie die Vorgängerin, jedoch ohne Benutzung des Glockengeläutes. Urſprünglich ſollten die Zifferblätter an die Achteckflächen der Glockenſtube kommen, doch entſchloß man ſich, ſie am Turmhelm anzubringen, damit ſie nun aus größerer Entfernung geſehen werden können. Das Geläut erhält größere Glocken als das vorhergehende und wird auf die Töne fis-a-h abgeſtimmt.
Die im Jahre 1668 über den unteren Turmfenſter eingebrachten weiteren Turmfenſter ſind eingemauert worden und die Gebläſekammer im Turm hinter der Orgel iſt beſeitigt. Das elektriſche Gebläſe der neuen Orgel erhält ſeinen Platz auf dem Kirchenboden, die Orgel, deren Aufbau am 23. September 1930 begonnen hat, iſt ſoviel als möglich tiefer gelegt, der alte, erhaltene Proſpekt zurückgerückt, um den Raum für den Kirchenchor zu vergrößern und der Proſpekt wird wiederum mit echten, teilweiſe klingenden Pfeifen ausgeſtattet, nachdem während des Weltkrieges die Proſpektpfeifen der alten Orgel für Heereszwecke abgeliefert und durch Holzattrappen erſetzt worden waren. Außerdem erhält die neue Orgel einen zweiten, vollſtändig klingenden Proſpekt nach dem Turmraume zu. Dieſer wird zur Taufkapelle ausgeſtaltet. Biſher hat der ſchöne alte Taufſtein ſüdlich vor dem Altar nahe der Kirchtür geſtanden. Die alte Sakriſtei, in der vermutlich in Katholiſcher Zeit das in den alten Akten erwähnte Heiligengrab lag, und eine zeitlang als Beinkammer und zuletzt als Rumpelkammer dient, iſt wieder hergeſtellt und ihrem Zwecke als Sakriſtei wieder um zugefiihrt worden. Die zuletzt benutzte Sakriſtei hat man entfernt. Sie war eine unſchöne Holzwand im öſtlichen Teile der jetzigen Taufkapelle. Zu der vorhandenen beſonderen Empore für die Knaben, die bei dieſer Gelegenheit erneuert wurde, iſt an der Nordſeite über dem Orgelchore eine gleiche Empore eingebaut worden. Der Treppenaufgang zum Orgelchore wurde von der Nordſeite nach der Südſeite verlegt, um für den Heizraum der augenblicklich im Bau befindlichen Warmluftheizung Platz zu gewinnen. Zugleich ſind nach der Turmſeite hin von den Emporen nach dem Orgelchore und von da ins Freie Treppen angelegt worden. Die an der Südſeite des Turmes außen heraufführende Treppe wird emeuert. Das Gotteshaus ſoll im Inneren vollſtändig neu ausgemalt werden; jedoch die Entwürfe hierfür liegen noch nicht feſt.

4. Anhang

Gelegentlich der Ausſchachtungsarbeiten für die Heizanlagen ſind nahe dem Altar unter den Steinplatten Reſte alter Gräber aufgedeckt und die Grabſteine der Pfarrer Antonius Schultes, der von 1655 bis 1673 hier wirkte und Georg Ernſt Schade, der von 1682 bis 1690 hier wirkte, gefunden worden. Dieſe Grabſteine werden an einem geeigneten Platze in der Kirche aufgeſtellt.

Zu all dieſen umfangreichen Arbeiten ſind die Mittel zum großen Teil von der Feuerverſicherungsanſtalt vergütet worden. Außerdem hat eine Hausſammlung ſtattgefunden und die Liſte der Beitragenden iſt dieſem Bericht angefügt. Endlich wird nach jedem Gottesdienſt ein beſonderer Opferſtock für die Kirche aufgeſtellt, und eine Stiftung iſt in Ausſicht geſtellt.

Möchte das Gotteshaus in neuem Gewande das bleiben, was es ſeit alten Zeiten geweſen iſt: Das Herz der Gemeinde Viernau

Zum Bericht

Dokument im Kirchturmknopf