Zum Orgelbau der Kirche St. Johannis

Ein Bericht von Werner Henkel und Willimar Jung.

Aufzeichnungen zur Orgelgeschichte der Viernauer Kirche St. Johannis sind ab der vorigen Jahrhundertwende vorhanden. Sie beziehen sich auf die beiden letzten Orgeln, die in der Kirche zum Einsatz kamen und deren letzte auch heute die Kirche mit ihrem Wohlklang erfüllt. Die bekannten Organisten der Viernauer Kirche werden genannt.

1. Zum Orgelbau in den Jahren 1899/1900

Nach jahrelangen Bemühungen erhielt im Jahre 1899/1900 die Kirchengemeinde unseres Ortes eine neue Orgel, welche in der Werkstatt des Orgelbaumeister Theodor Kühn aus Schmiedefeld für 4700 Mark (Goldwährung) gebaut und in dem genannten Zeitraum in der Viernauer Kirche installiert wurde. Für dieses Orgelwerk stiftete der in Viernau geborene Lehrer Theodor Henkel aus Erfurt 1000 Mark (Goldwährung).

Tagebucheintragung des Th. Henkel anläßlich der Orgelabnahme:

»Montag, 5. 2. 1900 mit Seminarlehrer Billig aus Erfurt nach Viernau zur Orgelabnahme gefahren; der Herr Baurath von Schleusingen war auch mit da. Die Orgel hat 19 klingende Stimmen. Unterwerk Manual. Disposition 1. Prinzipal 8´, 2. Bordun 16´, 3. Gambe 8´, 4. Grobgedackt 8´, 5. Gemohorn 8´, 6. Oktave 4´, 7. Spitzflöte 4´, 8. Cornett 3-fach, 9. Mixtur 3-faches Oberwerk, 10. Geigenprinzipal, 11. Salicional 8´, 12. Aeoline 8´,13. Flöte travers 8´, 14. Rohrflöte 8´, 15. Fugare 4´, 16. Pedal Violon 16´, 17. Subbaß 16´,18. Oktabaß 8´, 19. Cello 8´.

Die 4 unterstrichenen Stimmen und den Jalousinenschweller und das Oberwerkkonsol habe ich gestiftet für 1000 Mark (Goldwährung). Das Werk hat Pedalcoppel, Manualkoppel, ferner hat das Werk Piano, Mezzoforte und Tutti-Zug vor dem Spielbrett, Calconten-Zug. Das Werk war ganz vorzüglich. Die Töne aller Stimmen einzeln probiert, kommen sofort präzis. Die Stimmen waren alle gut intoniert, sodaß alle charakteristisch gut gearbeitet waren. Dadurch, daß das Oberwerk hinter und unter das Unterwerk gestellt waren, da es an der Höhe fehlte, klang das Oberwerk gedämpft. Es wäre besser gewesen, wenn das Oberwerk über das Unterwerk gesetzt worden wäre. Wäre Herr Christian Gratz, Uhrmacher und früherer Dorfschulze, nicht am 1. März 1899 gestorben, so hätte dieser sicher dafür gesorgt, daß die Decke höher gelegt worden wäre. Dann hätte das Oberwerk höher gelegt werden können, wodurch die Orgel eine größere Wirkung und Kraft erhalten hätte. Durch den Jalousinenschweller, wodurch das ganze Oberwerk im Kasten steht, ist das piano sehr fein geworden. An dem ganzen Werk ist auch nicht das Geringste auszusetzen gewesen, sehr gut!«

Wie tief die Liebe und Verbundenheit – bedingt durch seine bäuerliche Herkunft – zu seinem Geburtsort Viernau und deren Kirchengemeinde war, ersehen wir aus seinen im Vorfeld notwendigen Inspektionsreisen, mit den Strapazen damaliger Postkutschfahrten vom Bahnendpunkt Ilmenau über den Thüringer Wald nach Schmiedefeld, zum Orgelbaumeister Kühn. Schmiedefeld war in jener Zeit, ab Ilmenau, nur mit der Postkutsche zu erreichen. Die Bahnstrecke Ilmenau – Schleusingen wurde erst im Jahre 1904 durchgängig eröffnet.

2. Zum Orgelbau in den Jahren 1929/1930

Bis zum Blitzeinschlag in den Kirchturm mit nachfolgender Feuersbrunst am 19. Juli 1929 war die neu erbaute Orgel der Viernauer Kirchengemeinde in Freud und Leid musikalischer Begleiter. Der Blitzeinschlag und Kirchturmbrand beschädigte jedoch auch die Orgel erheblich, sodaß wiederum ein Neuaufbau erforderlich wurde. Am 29. Juli 1929 entluden sich mehrere schwere Gewitter über unserem Heimatort. Wenige Minuten vor 6 Uhr schlug der Blitz in unserem Kirchturm ein und vernichtete das ehrwürdige Wahrzeichen unseres Ortes. Das hinter der Orgel liegende Teil des Hauses wurde ein Opfer der Flammen. Das Kirchenschiff konnte durch den Einsatz der Viernauer und der Steinbach-Hallenberger Feuerwehr gerettet werden. Die Orgel selbst wurde durch das eindringende Löschwasser so beschädigt, daß diese demontiert und erneuert werden mußte.

Nachdem Handwerker ein provisorisches Turmdach aufgesetzt hatten, stellte man ein Harmonium auf das Orgelpodium. Auf diese Weise wurde bis zum 10. August 1930 ein provisorischer Gottesdienst gehalten und dieser musikalisch begleitet.

Durch eine jetzt von den Architekten Willi Großklaus aus Viernau und Walter Schneemann aus Erfurt höher gelegte Decke (damals schon Wunsch des Herrn Henkel) und die Beseitigung der Gebläsekammer hatte man mehr Platz für das neue Orgelwerk, dessen Aufbau am 23. September 1930 begonnen wurde. Das elektrische Gebläse der neuen Orgel erhielt seinen Platz auf dem Kirchenboden. Das neue Orgelwerk wurde von der bekannten Firma Wilhelm Rühlmann, Orgelbauanstalt in Zörbig bei Halle an der Saale als 444stes Werk der Firma in unserer Kirche errichtet.

Die Viernauer Orgel ähnelt in ihrer Disposition derjenigen des Stadtgymnasiums in Halle/Saale; das barocke Gehäuse der Vorgängerorgel und einiges Pfeifenmaterial von dieser wurde für die neue Orgel mit übernommen. Insgesamt wurden jedoch Maphys-Mensuren, von Bohnstedt entwickelt, verwendet. Dieser intonierte auch die neue Orgel.

Die Rechnung der Orgelbauanstalt Rühlmann lautete: 11.434,30 RM; die Gesamtrechnung des Orgelbaus bezifferte sich auf 12.008,16 RM. Für die Kirchengemeinde war das eine große finanzielle Belastung in der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929/30. Der Stundenlohn eines Arbeiters betrug damals 40 bzw. 50 Pfennige!

Weitere Angaben zum Orgelwerk von J. Waldow im Kirchenarchiv:

»Das Gebläse hat einen Magazinbalg mit Fußschöpfer und elektrischem Winderzeuger. Die Orgel hat eine pneumatische Traktur, ferner eine Kegellade. Sie besitzt kein Rückpositiv. Sie hat insgesamt 2 Manuale und 1 Pedal; 16 klingende Stimmen (ohne Nebenzüge).«

3. Die Organisten der Kirche St. Johannis, soweit ermittelbar

1832–1871 Andreas Heym

1871–1876 Daniel Eckold

1876–1878 Karl Lerp

1878–1882 Franz Robert Köhler

1882–1887 Robert Herkendel

1887–1907 Richard Rühr

1907–1910 Friedrich Schneider

1910–1914 Ottomar Eckardt

1914–1917 Willy Prause

1918–1920 Alfred Brandes

1920–1929 Willy Köhler

1929–1931 Otto Methfessel

1931–1932 Lehrer Winter

1932–1934 Christoph Görbing

1934–1940 Hermann Syré

1940–1951 Hermann Könitzer

1951–1961 Erich Großklaus

1962–1997 Friedel Henkel

ab 1998 ??

Zum Bericht

Autor: Werner Henkel (1) und Willimar Jung (2),(3)

Veröffentlichung in den Heimatheften