Die Glocken der Kirche St. Johannis

Ein Bericht von Willimar Jung.

Die heutigen Glocken im Turm der Johannis-Kirche sind nur die letzten einer ganzen Glockenfolge. Wie es zu den Wechseln kam und was die Glocken für Besonderheiten aufweisen.

1. Die ältesten Glocken

Die Glocken der Viernauer Kirche St. Johannis haben in den Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte erlebt. Die älteste, bekannte Glocke unserer Kirche in Viernau war die im Jahre 1594 von Melchior Moerink in Erfurt gegossene große Glocke mit einem Durchmesser von 85 cm und einem Gewicht von 280 kg. Ihr zur Seite hingen bis zum Frühjahr 1878 zwei weitere Glocken.

Nachdem eine gesprungen war, wurden beide abgenommen und in der Firma Gebr. Ulrich in Apolda zu einem neuen Geläut gegossen, für 594 Mark. Zu dem Erlös der alten Glocken von 360 Mark kam eine Spende des evangel. Oberkirchenrates in Berlin in Höhe von 200 Mark. Den Rest trug die Kirchengemeinde.

1.1. Die 1878er Glocken

Die Taufglocke wog 200 kg und besaß einen unterer Durchmesser von 71 cm.
Inschrift im oberen Rand: »Guß von Gebr. Ulrich, Apolda 1878«,
Inschrift am unteren Rand: »Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.«

Die Sterbeglocke wog 120 kg und besaß einen unterer Durchmesser von 60 cm.
Inschrift im oberen Rand: »Guß von Gebr. Ulrich, Apolda 1878«,
Inschrift am unteren Rand: »Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben von nun an.«

2. Nach dem 1. Weltkrieg

Am 16. Juli 1917 von 6.30 Uhr bis 7 Uhr läuteten die Viernauer Glocken mit vollem Geläut zum letzten Male. An diesem Tage wurde die mittlere und die kleine Glocke abgenommen. Sie waren Opfer des 1. Weltkrieges und wurden eingeschmolzen. Bis 1920 versah die altehrwürdige große und älteste Glocke aus dem Jahre 1594 allein ihren Dienst. Sie stand unter Denkmalschutz, blieb somit erhalten.

Am 7. November 1920 wurden 2 neue Bronzeglocken von der Firma Christian Störmer aus Erfurt geliefert und im Glockenstuhl der Viernauer Kirche aufgehangen. Sie wogen 147 kg die eine und 121 kg die andere Glocke. Die Gesamtkosten betrugen 12497,90 Mark. Ein Teil der Kosten wurde durch Spenden der Gemeinde gedeckt.

3. Turmbrand 1929

Am 19. Juli 1929 wurde durch Blitzschlag der Turm der Viernauer Kirche vemichtet. Der Glockenstuhl mit seinen drei Glocken stürzte zu Boden. Die historische Glocke aus dem Jahre 1594 sowie die kleine Glocke waren gesprungen. Die mittlere Glocke (Taufglocke) war unbeschädigt und wurde in einem provisorischen Glockenstuhl im Pfarrhofe aufgestellt und läutete über ein Jahr allein zu kirchlichen Anlässen. Auf Grund ihres historischen Wertes wurde die Glocke aus dem Jahre 1594 nicht eingeschmolzen, sondem dem städtischen Museum in Erfurt übergeben, die Inschrift aber auf die neue große Glocke des Jahres 1930 übertragen.

Am Sonntag, 16. November 1930 wurde bereits die Weihe der Glocken und der Orgel festlich begangen. Die beiden Glocken goß wiederum die Firma Störmer in Erfurt. Sie wogen 450 kg die eine und 300 kg die andere Glocke. Die Inschrift (der großen Glocke) lautete:

3.1. Die 1930er Glocken

Die Inschrift der großen Glocke lautet: »Des Blitzes Gewalt, des Feuers Wut zerstörten den Turm in lodernder Glut. Nun ragt er empor, nun ruf ich hinab: Ehrt Gott unsem Schöpfer, der alles uns gab! Er strafet, er heilet, er hält sein Gericht, er baut noch viel fester, wenn alles zerbricht.«

Am oberen Rand steht: »Lobet den Herrn all seine Werke an allen Orten seiner Herrschaft. Lobet den Herrn, meine Seele.«

Die mittlere Glocke trägt eine Übersetzung der Inschrift der ehemalige großen Glocke: »Schlägt Dich Gott – klingst du ihm? Schlägt Dich Gott – klingst du ihm? Ach wie bald ruft der Tod – mahnend – seltsam – selbst den Mahner! Ich gehorch Dir – Du nicht Gott! Glaube, Rettung, Heil verkünd ich. Doch bald tönet laut der Schall der Posaune des Gerichtes. Von der gesprungenen Glocke aus dem Jahre 1594 im Jahre 1930 hierher übertragen.«

Am oberen Rande lautet die Inschrift: »Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.«

Die Inschrift der kleinen Glocke endlich lautet: »Mein Klang verklingt, Dein Leben sinkt, hin geht die Zeit, es kommt die Ewigkeit. Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an.«

4. Nach dem 2. Weltkrieg

Mit dem 2. Weltkrieg kam ein neues Unheil über die Glocken der Viernauer Kirche. Bereits am 5. Mai 1940 mußte das Viernauer Pfarramt Meldebogen über die Bronzeglocken beim Evangelischen Konsistorium der Provinz Sachsen einreichen. In den Novembertagen 1941 mußte die große und die mittlere Glocke für Kriegszwecke abgegeben werden. Nur die kleine Glocke verblieb der Gemeinde, die bis 1954 alleine läutete.

5. Das seit 1954 erklingende Geläut

Am 25. März 1954 wurde in der Glockengießerei von Schilling & Lattermann in Apolda der Guß von zwei Hartgußglocken vollzogen, welcher auch vom Klang her glückte. Seit Ostern 1954 verfügt die Kirchengemeinde Viernau wieder über ein volles Geläut im Dreiklang (Bronzeglocken mit dem Schlagton h′plus ¼, zwei neugegossene Stahlgußglocken mit a′plus ¼ und fis′plus ¼).
Das Probeläuten nach der Aufhängung der zwei neuen Stahlgußglocken erfolgte unter der Teilnahme der ganzen Bevölkerung auf Straßen und Plätzen sowie Höfen in den Nachmittagsstunden des 23. April 1954. Großen Anteil an der Beschaffung hatte der damalige Gemeindepfarrer Richard Hoenen.

5.1. Die 1954er Glocken

Große Glocke: Ton: fis′, Gewicht: 1020 kg, unterer Durchmesser: 138 cm.
Inschrift: »O, Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!«

Mittlere Glocke: Ton: a′, Gewicht: 580 kg, unterer Durchmesser: 115 cm.
Inschrift: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!«

Kleine Glocke: Ton: h′, Gewicht: 333 kg, unterer Durchmesser: 80 cm.
Inschrift: »Mein Klang verklingt, Dein Leben sinkt, hin geht die Zeit, her kommt die Ewigkeit. Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an.«

Während eines Festgottesdienstes am 11. Juni 1973 wurde eine elektrische Läuteanlage in Betrieb gesetzt.

6. Die alte Stundenglocke

Im Vorraum des Paul-Schneider-Hauses steht eine kleine ausgediente Glocke mit folgender Inschrift: »Gegossen von Wilhelm und Heinrich Bittorf in Seligenthal für die Gemeinde Viernau. Anno 1846.« Diese alte Stundenglocke hing außerhalb des Turmes und war beim Absturz während des Feuers im Jahre 1929 beschädigt worden.

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Autor: Willimar Jung

Veröffentlichung in den Heimatheften