Einfache Leute im 19. Jahrhundert

Zwei Zeitzeugenberichte geben eindrucksvoll ein Bild der Lebensumstände einfacher Leute Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wider.

1. Lebensgeschichte des Franz Peter Dipi

Ich als Schieferdecker mache der Nachwelt noch folgendes bekannt:

Als ein Soldatenkind wurde ich geboren zu Franzburg, erzogen bei Bremen in der Heide bis in mein ſechſtes Jahr, von da an bis zum elften Jahr von meiner Mutter in der Welt herumgeſchleppt, von einem Schweineſtalle zum anderen und von einer Scheune zur anderen, und im Moraſt, Kälte und Näſſe mußte ich daſelbſt die Nächte zubringen, ſo daß ich nicht glaubte, den morgenden Tag erreichen zu können. Dieß ging unaufhörlich fort bis wir endlich in meiner Mutter Geburtsort, in Oberſchönau, in meinem zwölften Jahre ganz elend ankamen. Hier erfuhr ich erſt, wo mann ſich zu aller erſt hinzuwenden habe, um Gott und ſein Wort kennenzulernen. Ich hörte von anderen Kindern oft ſagen: ich will in die Schule. Hierauf fragte ich einſtens meinen Vetter Caſpar Recknagel: warum die anderen Kinder in die Schule gingen. Er gab mir die Antwort: ſie lernen Leſen, Rechnen etc. und ſagte dann zu mir: warum haſt du mir das nicht ſchon lange geſagt, ich glaubte, du biſt ſchon lange aus der Schule. Auf einmal erſchrak ich und es war, als fiele mir ein Stein aufs Herz und konnte kein Wort ſpechen. Mein Vetter kaufte mir hierauf ein ABC-Buch und ſchickte mich hierauf in die Schule, dieſe konnte ich aber freilich ſehr wenig beſuchen, denn ich mußte erſt bei einem Nagelſchmied mit zuſchlagen und wenn dieß vorüber war, dann konnte ich erſt zur Schule gehen, welches wöchentlich kaum 2 Mal geſchehen konnte.

Die anderen Bücher, die ich zur Schule brauchte, mußte ich borgen. In meinem 14. Jahre ſollte ich zur Confirmation ſchreiten, aber ehe dies geſchah, vermiethete mich meine Mutter ſchon einem Hirten in Zella, von hier aus kam ich nach Steinbach und hier erſt wurde ich konfirmiert. Von hier aus kam ich nach Stutzhaus und wurde Schmierbrenner, und mußte dann zugleich die Schafe hüten. Auf einmal machte meine Mutter mir den Antrag, Schuhmacher zu werden, da ich aber kein Lehrgeld aufbringen wußte, ſo fing ich von ſelbſt an, Schuhe zu flicken, und ſpäterhin auch neue zu machen. Dieß gefiel mir aber nicht, und es wurde in mir der Gedanke rege, ein Schneider zu werden, weil aber auch hierzu die Mittel und das Zutrauen der Leute fehlten, ſo ging ich auch hiervon wieder ab. Jetzt aber wende ſich auf einmals alles anders.

Ich fand einen Meiſter in Sebaſtian Habbich in Steinbach, bei welchem ich das Strumpfweber-Handwerk erlernte und auch 7 Jahre betrieben habe. Aber auch hiervon mußte ich abgehen, indem die Mittel fehlten, mir das nötigſte Werkzeug anzuſchaffen, und wurde hierauf ein Mauerer und Tüncher zugleich, wobei ich aber auch zugleich die Mahlerei betreiben lernte. Späterhin lernte ich auch ſelbſt die Gärtnerei, das Sattlerhandwerk, das Uhrmachen, das Tiſchlerhandwerk und Zimmerhandwerk, das Dachdecken und zuletzt das Schieferdeckerhandwerk betreiben zu können, welches ich jetzt auch betreibe. Noch bemerke ich der Nachwelt, daß ich den Thurmknopf in dem Haus Nro 27 in welchem Peter Schenk, Juliana Margaretha deſſen Frau, und Eva deren Töchterlein, ferner: Otto Heinrich Hoffmann, und deſſen Frau Catharina Barbara, wohnten, vergoldet und verſchönert habe.

Franz Peter Dipi
Viernau
den 5ten April 1834.

2. Aus den Jugenderinnerungen der Rosa Hoffmann

Der kärgliche Verdienst zwang unsere Vorfahren, ein Stückchen Land zu erwerben, um Kartoffeln und Brot selbst zu erzeugen. Die Arbeit auf dem sandreichen Boden war mühevoll und schwer, die Ernte kärglich und eine sichere Futtergrundlage für dasVieh fehlte. Deshalb mußten die Frauen täglich mit der Kütze auf dem Buckel das Gras für das Vieh herbeitragen. Es war ein beschwerlicher Fußmarsch an die Hänge des Dolmar oder zur Metz mit nur einem Stück selbstgebackenem Brot in der Hand. An den Füßen trug man Laufstrümpfe (eine Sohle auf alte Strümpfe genäht).

Bei Strafe war es damals verboten, mit Kuhgespann und Wagen den Wald zu befahren. Deshalb war das Reft (Tragegestell) das wichtigste Transportmittel für Streu, Reisig und Äste; letztere wurden mit einer 5 bis 8 Meter langen Hebbe von den Bäumen gerissen. Die Arbeit oblag besonders den Frauen, ebenso die Arbeit bei der Wiederaufforstung des Waldes.

Weitere Verdienstmöglichkeiten boten sich bei der Heidelbeer- und Pilzernte. Die Mütter gingen bereits am frühen Morgen, die Kinder kamen nach dem Schulunterricht nach. Nicht selten geschah es, daß die junge Mutter ihren Säugling auf dem Arm, die Kütze auf dem Rücken mit Gefäßen und Tuchschaukel zum Beerensammeln zog. Die Tuchschaukel wurde an zwei Bäumen befestigt und der Säugling hineingebettet.

Erwähnt sei, daß die ein Liter Beeren ein Verdienst von 8 Pfennigen brachte. Eine weitere Verdienstmöglichkeit unserer Vorfahren war das Sammeln von Kieferzapfen. Diese wurden in Säcken nach Meiningen zu den Bratwurstständen getragen. Ein Sack brachte 60 Pfennig Erlös. Ebenso wurde der am Heidelberg vorkommende Sandstein gebrochen und feingeklopft und zum Scheuern für Dielen und Fußböden verkauft (eine Metze brachte 6 Pfennig).

Die Männer fanden ihren kärglichen Lohn bei der Heimarbeit durch die Drechslerei. Die Drechselbank stand meistens in der Stube und wurde mit Fußbetrieb bewegt. Dabei mußten die größeren Kinder mithelfen. Die Frauen trugen die fertige Ware mit Sack und Kütze nach Schmalkalden zu Fuß für Hungerpfennige. Die Kinder freuten sich, wenn die Mutter als Geschenk einen Salzbrezel mitbrachte. Einige der Männer fanden in Zella-Mehlis Arbeit. Sie mußten sich dort einlogieren oder morgens und abends die Wegstrecke zu Fuß bewältigen; die Eisenbahnlinie wurde erst 1893 eröffnet. Andere Männer und Frauen standen für kärglichen Lohn als Tagelöhner auf den Feldern der größeren Bauernhöfe. Bei der Getreideernte zum Beispiel bekam der Schnitter als Lohn für 10 Garben eine Garbe. Die Felder wurden noch mit der Sichel geschnitten.

In der damaligen Zeit bestanden drei Rotten Holzhauer von je acht bis zehn Mann. Viele Waldungen wurden abgeholzt und urbar gemacht wie beispielsweise der Schmalmbach, Unkenberg, Deutscher Röderberg und der Heidelberg.

Mühselig war es, die Post bis zum Jahre 1914 von Viernau nach Christes zu bringen. Postbote Ehrlein mußte täglich mit seinem Ranzen die Wegstrecke (hin und zurück drei Stunden) bewältigen.

Die Wohnungen unserer Vorfahren sahen so aus, daß in der Ecke das Ehebett stand, in dem die Eheleute mit ihrem Jüngsten schliefen. Bei mehreren Kindern fanden diese Unterkunft in der Bodenkammer. Der große Ofen stand mitten in der Stube und wurde von außen mit »Höllenfeuerung« geheizt. Die Ofenbank und der Ofen wurden zum molligen Plätzchen nach Feierabend beim Spinnen und Stricken.

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Autoren: Franz Peter Dipi, Rosa Hoffmann

Dokument im Kirchturmknopf, Veröffentlichung in den Heimatheften