Besitzverhältnisse im Feudalismus

Ein Bericht von Willimar Jung.

Viernau war im Mittelalter ein kleines Bauerndorf und hatte, neben dem Reckrodtschen Besitz, ein Kammergut (Domäne, Vorwerk), seine Bauerngüter und seine »Hintersiedler«. In einigen Eintragungen im Pfarrarchiv Viernau werden sie auch »Hintersässige« genannt. Der nachstehende Bericht gibt Einblick in die Besitzverhältnisse des Ortes zur Zeit des Feudalismus.

1. Nachbarrechte und -pflichten

In unserem Ort Viernau galten im 15. bis 17. Jahrhundert, wie in den übrigen Orten der Cent Benshausen, wie Benshausen, Ebertshausen und halb Albrechts die gleichen Nachbarrechte und -pflichten.

Nach »Karl Weise, Benshausen – ein Heimatbuch«, 1992 sowie »Beiträge zur Siedlungsgeschichte unter Berücksichtigung der Bauerngüter in Cent und Marktflecken Benshausen« 1941 heißt es: »Das Nachbarrecht war ein persönliches Recht und jeder erlangte es ohne Wartezeit durch Verheiratung bzw. durch Errichtung einer eigenen Wirtschaft und bei Neuzuziehenden mit der Aufschlagung eines selbstständigen Wohnsitzes im Orte. Nach der ›Aufzählung der alten Rechte und Pflichten anno 1661‹ hatte eine zuziehende Familie 12 Gulden Einzugsgeld zu geben, die Hälfte der Herrschaft und die Hälfte dem Amt und der Gemeinde. Wer einfreite, zahlte 6 Gulden. Wer einen Hausstand gründete, mußte einen Gulden Nachbargeld an die Gemeinde entrichten. ›Abschiedsgeld‹ beim Wegzug nur an die Herrschaft. Die ›Güterlosen Nachbarn‹ hatten nur das Recht der ›Beischäferei‹. Ferner war vermerkt, wenn sich einer nicht ›nachbarlich‹ verhielt, so sollten ihm ›Weg und Steg, Wasser, Wonne und Weide‹ verboten sein.«

2. Hintersiedler

Bereits am 13. August 1579 bezeugt der Amtmann Mangold von Reckrodt auf Schloß Maßfeld, daß sein Vater in Furenawe 8 Hintersiedlerhäuser errichtet hat.

In meinen Recherchen im Pfarrarchiv Viernau konnte ich viele Akten und Aufzeichnungen über Erbzinsen bzw. Steuern der Pfarrei sichten, welche die damaligen Pfarrer Magister Tobias Freund (1651–1655) und Pfarrer Antonius Schultes (1656–1673) in ihrer Amtszeit führten.

So erfolgte neben dem Erbe im Jahre 1635 die Zuordnung der Hintersiedler. Diese wurden durch den Magister Tobias Freund im Jahre 1651 in einem 6 Folia-Seiten langen Aktenstück neu niedergeschrieben.

Die Hintersiedler oder Hintersässige waren Kleinbauern und Knechte etc., hatten etwas Grund und Boden durch Rodung, aber sie hatten auch ein Wohnhaus. Sie mußten Handfron leisten und wer Zugvieh hatte, unentgeltlich Fuhren jeder Art für die Pfarrei und Gemeinde fahren.

In dem Aktenstück sind namentlich 39 Hintersiedler mit je einem Haus aufgeführt. Bei vier Namen steht der Zusatz »Haus ist eingefallen«. bei zwei weiteren steht: »kein Hintersiedler, sondern Erbhaus freies«.

Weiter wird aufgeführt: »Alle Häuser im Fischbach geben 3 Pf. zur Pfarr Lehn, auch die mittellos.« Erbhaus bedeutete, daß sie zu den Geerbten der Cent gehörten. Die Hintersiedler wurden als Vollnachbar geführt.

3. Gütergemeinden

Die Bauerngüter bildeten die Gütergemeinde. Die Bauern der Gütergemeinde bewirtschafteten die Centflur.

Folgende Güternamen konnte ich ermitteln. Sie wurden nach dem jeweiligen Besitzer oder dessen Vorfahren genannt, lösten sich aber nach dem 30-jährigen Krieg langsam auf:

  • Valentin Brands – Gut
  • Lorents Henkels – Gut
  • Dölle – Gut
  • Johannes Henkel – das alte Gut
  • Wolff Wagners – Gut (Schmied)
  • Stubenrauchs –Gut (hatte seinen Wohnsitz nicht im Ort)
  • Frantzen – Gut (hatte seinen Wohnsitz nicht im Ort)
  • Hans Schippel – Gut (im Fischbach gelegen)
  • Bastian Baumann – Gut (im Fischbach gelegen).

3.1. Lehnrechte, Großkätchen-Erbe, Rosenberger-Erbe

In einem Viernauer Pfarr-Matrikel aus dem Jahre 1668 wird, neben anderen, unter Lehnrechte ein Erbe mit der Bezeichnung »Chroßkätchen Erbe« aufgeführt: »Das Chroßkätchen-Erbe geht der Pfarrei zu Lehn; wenn etwas daraus verkauft oder geerbt wird, gibt der Käufer zwey Viertel und der Verkäufer ein Viertel Wein zu Lehn-gelde.«

Einen Zusammenhang über dieses Lehen konnte ich nicht finden. Aber auch in späteren Vermerken des Königl. Amtsgericht zu Suhl aus dem Jahre 1907 wird auf das »Großkätchen-Erbe« in Viernau hingewiesen: »…, daß es sich mit den Pfarrlehen ebenso verhalte wie mit anderen Lehen, z.B. mit den ›Rosenberger Lehen‹.«

Mit der Bezeichnung, daß ein Grundstück ein Lehengrundstück sei, wurde ursprünglich nur ausgesprochen, daß der Besitzer des Grundstückes nicht voller Eigentümer sei, sondern es eben von der anderen Seite als Lehen erhalten habe. Der Lehnberechtigte war in solchen Fällen der sogenannte Obereigentümer, der Lehnverpflichtigte der Untereigentümer.

Durch Gesetzesgebung der preußischen Verwaltung im Jahr 1848 wurden alle derartige Lehnverhältnisse aufgehoben und der Untereigentümer wurde somit voller Eigentümer, wie vermerkt.

So werden z. B. Flurstücke in der Aue, Reizleite, Häselleite, in der Schmiedstelle und über dem langen Tal genannt, die alle aus dem Großkätchen Erbe ausgelöst wurden und Verpflichtungen, wie Lehnzinsen (Erbzinsen) somit nicht mehr bestanden.

Somit waren auch die Ansprüche aus dem »Rosenberger Erbe« erloschen. Diese werden in der Teilungsurkunde vom 31. Oktober 1584 genannt, wo in dem Erbvertrag unser Ort in sächsischen und hessischen Besitz geteilt wird. Die »Rosenberger« Erbe oder Güter mußten nach Schmalkalden zinsen, anfangs an das »Heilige Grab« bei Asbach,. Die Kapelle hatte von den Henneberger Lehngerechtigkeit erhalten, so zinsten u.a. zwei Güter in Viernau an diese Stätte. Nach der Reformation bzw. der Aufteilung unseres Ortes in sächsischen und hessischen Besitz gingen die Zinsverpflichtungen an die Rentei in Schmalkalden.

In den späteren durchgeführten Separationen gingen alle Lehen mit ihren Rechten und Pflichten in der Dorfflur unter.