In den Kriegswirren des 18. Jahrhunderts

Ein Bericht von Willimar Jung.

Mit dem Abschluß des Westfälischen Friedens im Jahre 1648 endete der Dreißigjährige Krieg. Die schweren Wunden begannen kaum zu heilen, da durchbrausten neue Kriegsstürme die deutschen Lande und zogen auch die Region in Mitleidenschaft, obgleich sie an keinem dieser Kriege direkt beteiligt war. Jedoch durch Truppendurchmärsche, Steuern und Plünderungen drückten neue Kriegslasten auf Viernau.

1. Einführung des Gregorianischen Kalenders im Henneberger Land

Im Jahre 1700 kommt es zur Einführung des Gregorianischen Kalenders im Henneberger Lande. So folgte auf den 18. Februar gleich der 1. März.

2. Verschiedene Erbfolgekriege

Zuerst spielte der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1714) bis in unsere Gegend. Kaiserliches Fußvolk, dänische Truppen, sächsische, hessische und kaiserliche Dragoner, Ansbacher und hannoversche Reiter, also ein überaus buntes Gemisch von Kriegsvölkern belegt Viernau entweder selbst oder verlangt Anspannpferde, die die Gemeinde bezahlen muß. So weisen die Gemeinderechnungen der Jahre 1702–1706 97 Thaler und die von 1712–1715 noch 51, zusammen 148 Thaler Einquartierungsgelder und Kriegsfuhrgelder auf, das ergibt im Jahresdurchschnitt 12 Thaler.

Im Februar 1708 kommt es zwischen Schwarza und Kühndorf zu einem Scharmützel zwischen der hennebergischen Landesmiliz und Gothaischen Truppen.

Als im Jahre 1718 Herzog Moritz Wilhelm von Naumburg-Zeitz kinderlos verstarb, wurde die Grafschaft Henneberg herrenlos und fiel an das Haus Kursachsen zurück und verbleibt dort bis zum Jahre 1815.

In dieser Zeit zogen Werber im Auftrage des Soldatenkönig Friedrich Wilhelm von Preußen durchs Land, um für die »Riesengarde« in Potsdam zu werben. Als Hochachtung vor dem preußischen König hatte im August 1718 die kursächsische Oberaufsicht für die Anwerbung von 10 Mannen im hennebergischen Lande die Zustimmung gegeben, diese aber nach kurzer Zeit widerrufen.

Im Jahre 1731 und 1732 kamen evangelische Salzburger Emigranten, vertrieben vom Erzbischof Graf Firmian, auf ihrem Zuge nach Brandenburg und weiter nach Ostpreußen durch Viernau. Sie werden das erste mal »mit Bier und Brandewein für 12 Thaler, 11 Groschen, 4 Pf. bewirtet« und beim zweiten male »schafft man sie durch Anspänner über den Wald«.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts sind es zwei Kriege, die ihre Schatten über Viernau warfen: der Polnische Thronfolgerkrieg (1733–35) und der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–48). So erhält Viernau 1733 Einquartierung preußischer und gothaischer Truppen. Die dabei verschonten Bewohner müssen 12 Thaler »doppelte Steuer« aufbringen und der Nachbarort Ebertshausen muß unsere Gemeinde mit 11 Theatern Quartieranteil entschädigen.

1734 und 1735 ziehen Weimarsches Fußvolk und kaiserliche Dragoner hier durch und verursachen 49 Thaler Schaden. Endlich erpressen 1748 Kaiserliche Völker auf dem Rückzuge 41 Thaler, außerdem waren noch 28 Thaler für Kriegsfuhren zu leisten. Das ergibt als Jahresdurchschnitt 32 Thaler.

3. Anwerbung für die preußische Armee

Trotz Verbot zogen die preußischen Werber weiter durchs Land. Ein Aktenstück erzählt

Wie die frembde preußische Werbung eines Viernauers verhindert wurde

Es war am 5. März A. D. 1738. Ein gar gestrenger Winter lag in seinen letzten Zügen. Die nach dem Großen Dolmar zu ansteigenden Höhen prangten zwar noch im klarsten winterlichen Kleide, doch Häuser und Straßen des »Kgl. poln.-churfürstl.-sächs. Hennebergischen Amtssitzes Kühndorf« waren bereits frei von Schnee; klare Sonne machte auch draußen dem Winter immer mehr den Garaus. Die Schloßuhr schlug eben die zehnte Stunde, als der Herr Amtmann von seinem täglichen Morgenspaziergange zurückkehrte. Er wurde an der Schloßtreppe bereits von seinem Amtsdiener sehnlichst erwartet. War doch vor kaum einer halben Stunde ein churfürstl.-sächs. Jäger hoch zu Roß, von neugierigen Dorfbewohnern und (auch damals schon) müßig umherstreifender Jugend geleitet, im Schloßhof eingetroffen und hatte in angeblicher wichtiger Botschaft nach dem Herrn Amtmann verlangt – ein Ereignis, wohlgeeignet, das stille beschauliche Dörfchen Kühndorf in gewaltige Aufregung zu versetzen. Denn seit den großen Kriegen vor nunmehr hundert Jahren, als die Kroaten und andre kaiserliche Völker dem Kühndorfer Amt, ja der ganzen Grafschaft Henneberg so übel mitgespielt hatten, war keine Soldateska mehr hier eingekehrt. Was wunder, daß die Leute das Heimgehen vergaßen, vielmehr in Gruppen umherstehend das Ereignis besprachen. Die Wortführer unter ihnen wollten sogar das Eintreffen des Jägers als Zeichen eines bald beginnenden neuen Krieges deuten! Auch der Amtsdiener machte eine tiefbekümmerte Miene, er mochte wohl auch derartiges vermuten – hatte sich doch der Jäger auf zarte Anspielungen nach dem Inhalt seiner Botschaft hin in eisiges Schweigen gehüllt.

Als der Herr Amtmann sich auf die Meldung des Dieners sofort in sein Amtszimmer begab, erhob sich dort ein hünenhafter Jäger und rapportierte mit schnarrender Stimme: »Jäger Joh. Friedr. Rhiener vom Kommando des Herrn Gefreyten Korporals Friedr. Wilh. von Bose vom Leibgarde-Grenadierregiment Oberst von Frankenberg zu Dresden meldet sich Euer Liebden mit wichtiger persönlicher Botschaft«. Auf die Frage nach dem Inhalt derselben berichtete er, daß das Kommando seit Februar auf 3 Monate nach Helba bei Meiningen entsendet sei, um etliche geeignete Mannschaft für Königl. Dienste anzuwerben. Seit einer Woche aber lägen zu Walldorf preußische Werber, die beständig danach trachteten, aus den hiesigen Königl. Territorien Untertanen anzuwerben, sofern sie für die Potsdamer Riesengarde geeignet wären. Auf die weitere Frage des Herrn Amtmanns, was das Amt Kühndorf mit derlei Geschehnissen zu tun habe, erwiderte der Jäger, daß sein Herr für gewiß ausgekundschaftet habe, ein Daniel Schleicher aus Viernau, das doch zum Amt gehöre, sei bereits von diesen Werbern verleitet worden, preußische Dienste anzunehmen. Selbiger sei gesonnen, sein in Viernau liegendes Haus zu verkaufen und noch andre durch ihre Größe geeignete Mannespersonen den preußischen Werbern zuzuführen. Sein Herr von Bose begehre darum die nachdrückliche Unterstützung des Amts zur Verhinderung sotaner Machenschaften und bäte gleichzeitig um Förderung des Kgl. Sächs. Interesses durch Überweisung etwa vorhandener geeigneter Mannschaften. Zur Beglaubigung dieser Botschaft legte der Jäger ein Paßport des Herrn Gefreyten Korporals von Bose vor, betreffend seine Vollmacht zur Anwerbung. Es ist unterzeichnet vom Obersten Römer des churf. Garde-Reg. zu Fuß aus Leipzig.

Auf einen Wink des Amtmanns erhob sich der Schreiber, der stillschweigend die ganze Unterredung zu Papier gebracht hatte und verlas mit betonter Stimme das umfangreiche Schriftstück, es dem Herrn Amtmann und dann dem Jäger zur Unterschrift reichend. Mit dem Bescheide, daß die weitere Verhandlung der unterbreiteten Angelegenheit nun Sache des Amts wäre, wurde der Jäger entlassen. Mit strammer Wendung entfernte er sich sporenklirrend, vom Amtsschreiber auf des Amtmanns Geheiß zur Küche geleitet, damit er dort erst eine Atzung erhielte.

Die Stirn des Herrn Amtmanns aber umwölkte sich ob der aus solcherlei Geschehen erwachsenden Schwierigkeiten.

Immer wieder war es das vom Amte so abgelegene Viernau, das ihm besonders Kopfzerbrechen verursachte und zu dem man seit dem Aussterben derer von Reckrodt so gar keine Beziehungen mehr unterhielt.

Der Schreiber kehrte zurück, und der Herr Amtmann sammelte seine Gedanken zu einem Bericht an die Oberaufsicht zu Schleusingen, der er von dem Inhalt der Botschaft Kenntnis gab und in dem er gleichzeitig mitteilte, daß er dem Landknechte sofort den Befehl erteile, fleißig auf den Schleicher in Viernau zu vigilieren, um ihn baldigst zu Arrest zu bringen. Man hörte lange Zeit die klare Stimme des Amtmannes, der den Bericht diktierte und dazwischen das kreischende Geräusch des eilig über die Bogen gleitenden Gänsekiels. Endlich kamen beide zur Ruhe. Der Amtmann überlas die Bogen, unterzeichnete sie und instruierte den inzwischen herbeigerufenen Landknecht, daß er genannten Schleicher unter Anwendung aller Mittel in Verhaft bringen sollte. Als der Landknecht sich mit tiefem Kratzfuß entfernt hatte, atmete der Herr Amtmann tief auf und winkte dem Schreiber endlich Entlassung – die Nachmittagssonne stand schon hinter der Höhe. Das Amtsinteresse war ja in dieser heiklen Sache gebührend wahrgenommen worden, die Zeit mußte nun weiterhelfen; der allabendlichen Erholung bei der Tarokpartie mit dem Oberförster und Pfarrer stand nichts mehr im Wege.

Wenn der Herr Amtmann gedacht hatte, den Fall Schleicher bald weiter klären zu können, so sah er sich zunächst in dieser Erwartung getäuscht. Der Landknecht ließ einige Tage nichts von sich hören, endlich am 9. März meldete er sich spät abends auf dem Schlosse Kühndorf mit dem ersehnten Bescheid, daß es ihm gelungen sei, vermeldten Schleicher in Viernau aufzugreifen. Er habe ihn geschlossen nach Kühndorf gebracht und vorläufig bei dem Wirt Peter Heinrich in Arrest getan. Am darauffolgenden Tage wird er dann auf dem Amte vorgeführt. Nach der Darstellung des Landknechts hatte der Herr Amtmann in Schleicher ein verstocktes, Ausflüchte suchendes Subjekt erwartet und war schweren Herzens am Morgen mit dem Vorsatz ins Amtszimmer getreten, ein streng Exempel statuieren zu lassen; doch sah er sich enttäuscht. Daniel Schleicher war ein bescheidend auftretender, ansehnlicher Mensch, der ohne Stocken offen Rede und Antwort stand. Aus Armut, so gab er freiwillig an, sei er bereit gewesen, sich in preußische Dienste zu begeben. Zu Viernau habe er zwar ein kleines Häuschen, doch fände er daselbsten für sich, seine Frau und sechs Kinder so geringe Nahrung, daß er sich am 1. März aus Not zum Obersten von Geldern nach Meiningen begeben habe, um bei ihm wegen besserer Nahrung vorzusprechen. Bei selbigem Herrn Obersten habe ihn ein preußischer Wachtmeister von den langen Grenadieren in Potsdam angeredet und ihm sofort ein Handgeld von 200 Thalern geboten, wenn er sich für preußische Dienste anwerben lasse. Genannter Wachtmeister habe ihm gleichzeitig für gewiß zugesagt, daß sein Weib monatlich ½ Malter Korn zu seiner und der Kinder Unterhaltung bekommen sollte. 3 Thaler Handgeld habe er bereits genommen, doch zum preußischen Dienst noch nicht geschworen.

Auf Ansuchen des Amtmannes ist Schleicher gern bereit, auch in Dienste seines Königl. Landesherrn zu treten, nur bäte er für sich eine Kapitulation und für sein Weib und seine Kinder eine sichere Versorgung aus. Da Schleicher erst 32 Jahre alt ist und die stattliche Länge von 78 Zoll besitzt, unterbreitet der Amtmann der Oberaufsicht in Schleusingen den Vorschlag, Vermeldten dem Kommando des Korporals von Bose zu Helba zwecks Transportierung zur Königl. Garde in Dresden verabfolgen zu lassen, da er »hierfür wohl zu emplyiren sei« (anwenden).

Schleicher wurde nach dieser Vernehmung wieder in Verhaft gebracht, und nun begann das damals schon übliche Hin und Her amtlicher Schreiben von und nach Schleusingen, bis endlich nach 7 Wochen, am 28. April 1738 Seine Königl. Majestät zu Sachsen »allergnädigst resolviert, den bisher in Arrest gewesenen Daniel Schleicher aus Viernau als Rekrut unter die Leibgarde zu Fuß annehmen zu lassen.« Er wird dem zu diesem Zwecke abgesandten Kommando am 29. April glücklich verabfolgt.

In der Arrestzeit hatte er nichts zu leiden gehabt, wie aus der vom Wirt Peter Heinrich zu Kühndorf eingereichten »Aufstellung der Atzungskosten« hervorgeht. Die beliefen sich auf:

»10 Pfg. jeden Tag vor Brandewein, 2 Pazen vor Essen mittags und abends, 12 Pazen vor Bier, 1 Thaler vor Brodt, alles zusammen 8 Thaler, 8 ½ Pazen«.

Das Oberamt ersetzte die Atzungskosten, besorgte auch einen Zuschuß »zur Soulagierung (Unterstützung) des Schleicher`schen Eheweibes und der Kinder«, so daß alle Beteiligten befriedigt wurden. Nur die Werber des Preußenkönigs mußten diesmal leer ausgehen.

Für das Jahr 1784 führt das Viernauer Kirchenarchiv einen Johann, Michael Schleicher als »Besitzer eines Hauses und der Ziegelhütte«. Der Name Schleicher erscheint noch im Jahre 1806 in einer Viernauer Gemeinderechnung.

Im November 1738 spuken die preußischen Werber abermals in unserer Gegend: Ein preußischer Wachtmeister Braun hatte nach einem Bericht der Oberaufsicht Schleusingen an das Amt Kühndorf mit Helfershelfern im Meiningischen »einen dasigen Landesuntertan Valentin Armbronn, welcher als Heyduck bei Sachsen-Weimar in Diensten sei, mit Gewalt weggenommen und bis Eisenach fortgeschleppt, woselbst er aus diesen Werber Hand wieder befreiet worden wär«. Dieser Wachtmeister sollte sich in dem Dorfe Schwarza versteckt halten. Das Amt Kühndorf wurde angewiesen, ihn unverzüglich zu arretieren und in »sichere, jedoch leidliche Verwahrung« bringen zu lassen. Der Amtsbote wird am nächsten Tage nach Schwarza geschickt und bringt die Nachricht, daß tatsächlich »zwei Preußen sich im Wirtshaus allda haben sehen lassen«. Darauf rückt der Aktuar mit einem Kommando Landmiliz und etlichen Amtsfolgern 7 Uhr abends vor das Schwarzaer Wirtshaus und läßt es durchsuchen: doch waren die Vögel bereits ausgeflogen; auch eine Durchsuchung mehrerer anderer Häuser war erfolglos. Diese Amtshandlung hatte aber etwas anderes zur Folge: Der Graf Heinrich August zu Stolberg auf Schwarza sah sie als »geflissentliche Kränkung und Zunötigung« an und verwahrte sich gegen die dadurch erfolgte Verletzung seiner Hoheitsrechte. Es entsteht ein heftiger Schreibkrieg zwischen beiden Ämtern, der damit endet, daß der Amtmann den gräflichen Beamten ersucht, »in Zukunft ihn mit stachlicher und ungeziemender Schreibart zu verschonen«. Als der gräfliche Beamte eine Erwiderung darauf einreichen will, wird sein Schreiben sogar zurückgewiesen.

Im Jahre 1740 herrscht grimmige Kälte im Henneberger Lande. Hohe Getreidepreise und große Sterblichkeit sind die Folge.

1744, Feier des 200-jährigen Jubiläums der Einführung der Reformation im Hennebergischen Lande.

4. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763)

Ganz besonders schwer waren die Lasten, die der Siebenjährige Krieg über unsere Gegend brachte. Im Jahre 1757 hatten alle Länder im Reich – außer Hannover, Gotha, Hessen und Braunschweig – Preußen den Krieg erklärt, nachdem Preußen in Sachsen einmarschiert war. Dieser Krieg Preußens, mit britischer Unterstützung, wurde gegen eine französische, österreichische, russische, schwedische und sächsische Allianz geführt.

Am 23. August 1757 zogen 8000 Soldaten der Reichsarmee bei Schleusingen über den Thüringer Wald. Am 5. November 1757 preußischer Sieg bei Roßbach über die französischen Truppen und über die Reichsarmee. Diesem folgte am 5. Dezember 1757 der preußische Sieg bei Leuthen über die österreichische Armee.

1758 rücken 4 Kompagnien der berüchtigten Reichsarmee in Kühndorf ein, und Viernau hat als Schadenanteil 12 Thaler an das Amt zu leisten.

Im Dezember desselben Jahres rückt eine Kompagnie davon in Viernau selbst ein, was weitere 42 Thaler Kosten verursacht.

In der Schlacht bei Kunersdorf am 12. August 1759 erlitt die preußische Armee eine große Niederlage. Der Krieg und die Truppendurchmärsche durch unsere Region gingen weiter. Hunger, Teuerung und die wirtschaftliche Depression kennzeichneten das Leben im Lande, auf beidseitige Erfolge folgten beidseitige Niederlagen.

In den beiden letzten Monaten des Jahres 1760 liegen nacheinander Württemberger Jäger sowie französische und kaiserliche Husaren im Ort, Kosten: 44 Thaler. 1761 war das schwärzeste Jahr. Nachdem man bereits im Februar an das Amt Kühndorf 285 Thaler Rationsgeldanteil für churfürstlich-sächsische Mannschaften und Pferde hatte zahlen müssen, war man im Mai gezwungen, weitere 190 Thaler aufzubringen, um Viernau bei dem in Themar mit zwei Schwadronen Reiterei liegenden Rittmeister Haas auszulösen, der den Ort mit Einquartierung überziehen wollte. Doch gegen Ende des Jahres wechseln sich wieder in bunter Folge Truppen in Viernau ab. Erst kommen preußische, dann französische Husaren, ihnen folgen französische Jäger und zuletzt eigene Landeskinder: Churfürstlich-sächsische Fußtruppen, die zusammen 55 Thaler verursachen. Die Letzteren trieben es besonders schlimm: ein sächsischer Corporal bezahlte das erpreßte Quartier für seine Mannschaft dem Schultheiß und den Vorstehern »des Morgens mit argen Schlegen«. Fassen wir die Kriegslasten dieses Jahres allein zusammen, so ergeben sich 530 Thaler, das ist mehr als das Doppelte des gesamten Gemeindeetats. Doch es geht damit noch weiter bis zum Ende des Krieges. 1762 suchen »preußische Maraudeure« (Plünderer) Viernau heim. Sie nehmen Valtin Scheibers Pferd an sich und zwingen den Schultheiß, sie darauf bis Mittelstille zu begleiten. Dort schlagen sie ihn vom Pferde herunter und verschwinden mit dem Pferde, sodaß es die Gemeinde dem Besitzer ersetzen muß, der Wert betrug 77 Thaler.

1763 folgten noch weitere Durchzüge an Truppen aller Arten, wofür 62 Thaler aufzubringen waren. Fassen wir die Lasten dieser sechs Kriegsjahre zusammen, so ergeben sich 767 Thaler, das bedeutet im Durchschnitt eine jährliche Belastung des Gemeindesäckels mit 128 Thaler, an der damaligen Geldknappheit gemessen eine sehr schwere Einbuße für einen Ort von der Größe Viernaus (etwa 700 Einwohner). Am 26. März wurde das Friedensfest gefeiert; doch es war eine ernste Zeit, da der Krieg eine Teuerung im Gefolge hatte. Nach damaligen Aufzeichnungen in einem Buche des Gemeindearchivs kostete je ein Maß Korn 4 Thaler, Weizen 3 ½ Thaler, Gerste 2 Thaler, Hafer 1 Thaler , Erbsen 2 Thaler, ein Zentner Heu 2 Thaler.

Vollständigkeitshalber möchte ich die Aufzeichnungen unserer Viernauer Kirchenchronik wiedergeben, welche im Turmknopf unserer Kirche hinterlegt sind. Sie künden von der Not der damaligen Zeit. Unser Heimatort Viernau war zu dieser Zeit sächsisches Territorium, somit war Preußen unser damaliger Kriegsgegner.

Weil wir sind genöthigt worden von unseres Thurme wegen der verfaulten Helmstange den Knopf herunter zu nehmen, welches geschahe den 10. Junius 1765, so wollen wir unseren Nachkommen kund und zu wissen machen, in was vor kümmerlichen Zeiten wir gelebt und noch leben. Von anno 1756, da den 26. August dieses Jahr der König von Preußen in Sachsen eingefallen war und bey Dresden lange wieder unsere Armee stund, so wurde das ganze deutsche Reich mit Krieg überzogen, da Preußen, Österreich, Frankreich, Schweden, England, Rußland und Sachsen nebst Heßen u. Hannover, Braunschweig zugleich mit bis 1763 von diesen hohen Mächten ein, bis in die 7 Jahre fast, sehr blutiger Krieg geführet wurde, da den in unserer Gegend von 1761 bis 1762 halb das Maas Korn galt gegen den damaligen schlechten Gelde, wie wir davon einige Sorten mit bey gelegt haben, 3 rtl. 36 ch das Pfund Rind-fleisch, 4 Btz das Pfund Schweine-fleisch, 4 Btz das Schock Eyer, 24 Btz das Pfund Butter, 6 Btz die Kanne Bier, 3 Btz gegolten nach diesem schlechten Gelde hat der Louis d’or, 9rtl Carlin 15 rtl der Laub-rtl 4 rtl.

Anno 1763 aber den 26. März konnten wir in unserem lieben Sachsen-Lande wiederum durch die Gnade Gottes das Friedensfest feyern, weil in diesem Jahre völlig den 18. Februar mit allen diesen hohen Mächten Friede geschlossen war. Hierauf wurde das neue Geld, welches im Kriege geschlagen auf die Helfte herrunter gesetzt, hernach ist es noch weiter herunter gekommen, daß ein alter Kreutzer nur 3 kr, 12 kr 2 Btz, 6 kr 1 Btz in diesem Jahr gegolten, das Maas Korn 9 Btz, das Fleisch als Rindfleisch 9 kr das Pfund, Schweine-fleisch 8 kr, Hammel-fleisch 2 Btz, Kalbfleisch 7 kr, das Pfund Butter 3 Btz, ein Schock Eyer 9 Btz.

Und der Louis d’or 6 rtl 3 Btz, Laub-Thaler 34 Btz, 1 Carlin 7 rtl 9 Btz, Ducaten 3 rtl 9 Btz. Soviel in aller Kürze von unseren elenden Zeiten. Heute haben wir nun als den 6. Jul. 1765 unter der Gnade Gottes wiederum den Knopf aufgesetzt.

Auf Grund der vielen territorialen Wirrungen und Verstrickungen der Herrscherhäuser waren in diesem Kriege unsere hessischen Nachbarorte Steinbach-Hallenberg, Bermbach etc. Verbündete Preußens, da Hessen die Partei Preußens ergriffen hatte. Sie litten ebenfalls unter den wechselvollen Ereignisssen diese Krieges. Einige Auszüge aus der Chronik von Steinbach-Hallenberg: Am 24. Juli 1758 Besetzung der Herrschaft Schmalkalden durch die Reichsarmee und Franzosen. Im Mai 1759 ist die Reichsarmee mit den Kaiserlichen aus Schmalkalden nach dem Werragrund gezogen, wo sie auf den Erbprinzen von Braunschweig stießen. Die Kaiserlichen wurden aufgerieben, die Verfolgung der Truppen ging über Schmalkalden, den Stillergrund, den Breitenberg und von hier weiter nach Suhl und Schleusingen. Am 14. August 1760 kam die Württembergische Armee mit 12000 Mann nach Schmalkalden. Die stärkste reiterliche Einquartierung erhielt Ober- und Unterschönau sowie Bermbach. Es wurden die Viehherden fortgetrieben. Es war ein großes Jammergeschrei und die Leute von Bermbach rannten davon.

Diese Auszüge sind nur Ausschnitte aus den wechselvollen Ereignissen dieser Zeit in unseren unmittelbaren Nachbarorten.

Der Friede von Hubertusburg, am 15. Februar 1763, zwischen Preußen, Österreich und Sachsen beendete diesen Krieg. Alle kriegsführenden Mächte behielten ihre Besitzungen. Preußen war somit zur Großmachtstellung aufgestiegen.

Viernauer Gemeindeaufzeichnungen berichten: »Das Frieden- und Dankfest wurde in unserem Ort am 26. März gehalten.« Weiter heißt es: »Gott sey Dank, der uns den Friedt wieder gebracht durch unsern Herren Jesu Christum, Amen.«

Zum Bericht

Autor: Willimar Jung

Veröffentlichung in den Heimatheften