Der Dreißigjährige Krieg und seine Auswirkungen

Ein Bericht von Willimar Jung.

Viernau wurde von den Wirren des Bauernkrieges verschont. Lediglich kam ein Heer von 8000 Bauern, von Salzungen kommend, entlang der Werra ziehend, bis nach Schmalkalden. Die Auswirkungen des Bauernaufstandes reichten gottlob nicht bis hierher. Jedoch litt unser Ort, 100 Jahre später im Dreißigjährigen Krieg, unter vielen Drangsalen. Fremdländische Truppen wüteten und brandschatzten im Henneberger Lande. Im Verhältnis zu den Leiden anderer Ortschaften im Umland kam Viernau noch glimpflich davon.

1. Die ersten Kriegsjahre (1618–1634)

Bereits im Jahre 1622 brach eine Teuerungswelle aus, die Preise stiegen auf das Zehn- und Zwölffache, Hungersnot war die Folge.

Die ersten Jahre des Krieges sind, bis auf beginnende Truppendurchmärsche ab 1622, welche über die Paßstraßen des Thüringer Waldes nach Süden erfolgten und unsere Gegend kaum berührten, für unseren Ort ruhig verlaufen. Es war von Vorteil, daß unser »Waldort« abseits der großen Straßen lag. Jedoch die Ruhe war schnell vorbei. In einer Akte im Thüringischen Staatsarchiv Meiningen berichtet der Amtmann aus Schmalkalden: »Im Jahre 1624, am 9. Mai, plündern Schönberger Reiter im Raum Schmalkalden. Das Dorf Herges wird in Brand gesteckt, 4 Bewohner werden erschossen. Die Bewohner von Steinbach und Viernau fliehen ins hennebergische Schwarza. Der Versuch zur eigenen Selbstschutzbildung in Steinbach und Viernau wird unterbunden. Beiden Orten wird mit Einäscherung gedroht, wenn Widerstand geleistet wird.«

Nachdem Gustav Adolf 1631 auch über die Heerstraße des Thüringer Waldes gezogen war, er hatte im Oktober 1631 für drei Tage in der Bertholdsburg zu Schleusingen Quartier genommen, bekam auch die Grafschaft Henneberg die Leiden des Krieges zu spüren. In der Kirchenchronik unseres Nachbarortes Steinbach-Hallenberg notiert der damalige Schultheiß Kraut: »Am 11. März 1632 seien wieder die Schweden unter dem Obristen Forbus angerückt. Infolge von Kämpfen seien dabei in Herges, Bermbach und Untersteinbach mehr als 25 Häuser niedergebrannt.«

Der Benshäuser Lehrer und Gemeindeschreiber Storandt berichtet im Gemeindebuch von Benshausen, daß in der Zeit vom 16. 4. 1629 bis 9. 5. 1632 die für das Kriegswesen aufgewendeten Gelder 8296 Gulden, 6 Groschen, 8 Pfennige betrugen. Nicht eingerechnet war der Schaden, dem ein Regiment kaiserlicher Reiter unter dem Obristen Schlammersdörffer angerichtet hatte, welche in Viernau im Quartier lagen. Da heißt es: »Sie fielen am hellerlichten Tage hier ein und raubten 83 Schafe und etliche gute Pferde der Fuhrleute.«

2. Während der Hochphase (1634–1638)

Die Zeit des schlimmsten Elends begann, als nach der Schlacht bei Nördlingen im Oktober 1634, die Kroaten unter Graf Isolani, aus dem Werragrund kommend, in fast allen Orten der Grafschaft Henneberg einfielen und auch unsere Region erreichten. Da flüchteten auch die Einwohner von Viernau und Benshausen mit ihrem Vieh in die nahen Wälder. Bereits am 14. Oktober wurde Themar und am 15. Oktober 1634 die Stadt Suhl eingeäschert. Die Kroaten zogen erst am 3. Ostertag 1635 wieder ab.

Das Kirchenbuch unseres Nachbarortes Schwarza schildert die örtlichen Vorfälle in denkwürdigen Worten: »Bei währendem Einfall des kaiserl. Kriegsvolkes unter dem Obersten Johann Ludwig Reichsgrafen von Isolani, Römischer Kaiserlicher Majestät Kriegsrat und Kämmerer, der ganzen leichten Kavallerie General und bestellter Oberster von einem Regiment Kroaten, von welchem Volk … auch wir allhier zu Schwartzau ganz geplündert und verderbet worden sind, erstlich bei dem Einfall nachfolgende Personen gestorben und nachdem etliche ein 14 Tag lang tot in den Häusern gelegen und zum Teil in die Hütten und Gärten ohne Ceremonien begraben worden. … Der Kriegseinfall ist geschehen den 15. Octobris 1634 und haben wir uns auch noch edem die mit der Flucht salvieren müssen.«

Zu den Leiden der Menschen, die im Winter 1635/36 in Kellern und Hütten überlebt hatten, kam im Jahre 1636 ein neuer Feind: die Pest. In Schwarza wird im Jahre 1636 die Zahl der Begräbnisse mit 122 angegeben, in Rohr mit 103 und in Heinrichs mit 156.

Für die Gemeinde Kühndorf war 1634 ebenfalls ein Schreckensjahr. In diesem Jahr wurde es von den Kroaten halb eingeäschert, es wurde gefoltert und gemordet.

Mit Sicherheit hatte unser Ort auch unter der Besetzung zu leiden, denn unser Nachbarort Benshausen mußte bis zum 12. 1. 1635 insgesamt 10062 Gulden für durch Plünderungen angerichteten Schaden und Kontributionen aufbringen. Die Kroaten spürten die Flüchtlinge in den Wäldern auf. Sie wurden beraubt und bis aufs Hemd ausgezogen.

Die Kroaten wurden 1635 durch deutsche Truppen abgelöst, von denen vier Kompanien in Viernau einquartiert waren. Von ihnen berichtet Juncker: »Die fingen wieder an, wo jene aufgehöret, indem sie es fast noch ärger machten … der damalige Amtmann Schmidt zu Kühndorf und Benshausen büßte allein 213 Schafe ein … die Untertanen wurden genötigt, ihr bischen Hausrat in Schmalkalden zu verkaufen; da gingen dann die Soldaten mit und steckten das Geld sogleich davor in ihre Beutel.«

Wie schwer gerade dieses Jahr für die Grafschaft war, geht daraus hervor, daß die Gemeinde Wichtshausen damals bis auf den Schulmeister und zwei Weibspersonen ausstarb, auch die Orte Mäbendorf und Dietzhausen starben fast ganz aus, der Rest zerstreute sich, und erst 1648 kehrten nach Wichtshausen 15, nach Dietzhausen 20 und nach Mäbendorf 26 Einwohner zurück, um sich dort wieder anzubauen.

Der Prager Sonderfriede von 1635 schien der erschöpften Grafschaft wieder Ruhe zu bringen: die Truppen zogen ab, und auf Mariä Heimsuchung feierte man ein Dank- und Friedensfest; doch hatte man sich getäuscht. Der Krieg ging weiter, und die immer mehr verwilderten Soldaten verübten, neben Plünderungen und Brandschatzungen, die sinnlosesten Verwüstungen und quälten die geängstigten Bewohner oft bestialisch. Ganz besonders waren jetzt auch die Schweden gefürchtet, sie hausten nicht minder schlimm. Bereits am 8. August 1636 kam ein kaiserliches, vom Landgraf von Hessen geschlagenes Regiment Kroaten und Polacken auf der Flucht hier durch. Besonders Benshausen hatte wieder zu leiden: die Truppen räuberten was sie nur bekommen konnten, sogar den neuen silbernen Kirchenkelch, den man kurz vorher angeschafft hatte. Zur Feier des heiligen Abendmahls wurden von den benachbarten Gemeinden Ebertshausen und Viernau zinnere Kelche entlehnt.

Im Januar 1637 folgten Schweden unter dem Obersten Caspar Cornelius Montaigne. Die Ämter Benshausen und Kühndorf mußten zusammen 4000 Thaler Brandschatzungsgelder zahlen; dabei wurde Kühndorf sogar angezündet und Benshausen hatte selbst einen Schaden von 5699 Gulden. Bereits am 16. Februar 1637 kamen wieder zwei starke Kompanien Kroaten in unseren Raum und plünderten das kleine hessische Dorf Bermbach und versuchten ein Gleiches mit Unter- und Oberschönau. Die Einwohner setzten sich erfolgreich zur Wehr, sodaß diese nicht viel ausrichten konnten.

Am 7. Juni 1637 zogen 300 Kroaten über Viernau nach Benshausen und blieben eine Nacht dort.

Am 10. August wurden kroatische Truppen durch ein Regiment kaiserlicher Reiter abgelöst; das stattliche Benshausen mit seinen großen Höfen und Häusern lockte die Soldaten mehr an als das halb so große Viernau. Die kaiserlichen Reiter hatten unsäglichen Schaden an den Feldfrüchten angerichtet, und so flüchteten viele Einwohner »in die benachbarten Bistümer, da sie nun zwar Nahrung fanden, aber auch zum katholischwerden verführet wurden«.

Eine Verordnung vom 4. Juni 1638 wandte sich dagegen, ohne jedoch viel auszurichten. In den letzten Jahren fanden zwar immer noch Truppendurchzüge statt, doch wurden dadurch jetzt mehr die Städte betroffen, die man weiter brandschatzte. Die Führer sahen wohl selbst, daß in den Dörfern nichts mehr zu holen war; denn durch die vielen Plünderungen waren sie zumeist verwüstet und verödet. So war schon 1637 in unserer Gegend eine große Hungersnot ausgebrochen. So berichtet Güth in seiner Chronik von Meiningen (Teil 1, S. 257 ff.): »Wie denn zumal in diesem uns vorgehenden Jahre, es so teuer worden, daß das Maß Korn bis auf 28 Patzen gestiegen und ein Pfund Brot 17 Pfennig gegolten. Und weil wegen des leidigen Kriegswesen kein Geld mehr unter den Leuten war, mußten die meisten sich mit Kleyen, Wicken, gemahlenen Eicheln, aus welchen sie Kuchen und Brey machten, item gesottenem Gras, so weder gesalzt noch geschmelzt war, so wol von verstorbenem Pferd und Ochsen behelffen … und hat man damals offt die Leute hinter den Zäunen daß ihnen das Schindfleisch oder gekochtes gras noch im Maul, tod gefunden welches denn jämmerlich und elendiglich anzusehen war. Ja, man hat erfahren, daß auf einer Seiten eines toden Aas die Menschen, an der anderen aber die Hunde genaget. Ach Gott, behüte uns für solche Zeiten!«

3. Die letzten Kriegsjahre (1640–1648)

Ein weiterer Höhepunkt des Schreckens für Kühndorf war das Jahr 1640, in dem das Dorf zweimal von durchziehenden kaiserlichen und schwedischen Truppen, auf dem Marsch von Meiningen nach Schwarza, angezündet wurde.

Im Jahre 1640, am 18. Februar, überfielen 200 schwedische Reiter bei Viernau Fuhrleute aus Schmalkalden – von Nürnberg kommend – und raubten 21 Pferde.

Am 25. Januar 1641 ist je ein Regiment des Oberst Rosenvolk in Viernau, Benshausen und Schwarza eingefallen.

Mitte Juni 1647 lag ein schwedisches Regiment in Viernau. Eine Eintragung im Sterberegister des Schleusinger Kirchenbuchs vom 17. Juni dieses Jahres lautet: »Andreas N. ein schwedischer Soldat unter dem Obersten Frölichen, welcher umb Viernau (allda er gelegen), im Waldt, mit dreyen Kugeln geschossen; und als das Regiment fortgezogen, hieher gebracht, weil er nicht weiter fortzubringen, liegen bleiben müssen.«

Im November wird die Grafschaft aufs neue von Truppen geradezu überflutet: 11 Regimenter unter dem Generalwachtmeister Philipp von Beck quartierten sich 14 Tage in den Orten um Suhl ein. Die ganze Gemeinde Albrechts zog damals für den Winter nach Suhl, da die Stadt wegen eines kaiserlichen Schutzbriefes sicherer erschien. Suhl war damals bereits Rüst- und Waffenkammer für alle kriegsführenden Parteien.

1648, den 19. Januar fielen 2000 kaiserliche Soldaten von der Armee des Generals Holzapfel in Steinbach ein und plünderten das Dorf aus, die Nachbarn versuchten das zu verhindern, mußten aber der Übermacht weichen und sich auf das alte Schloß zurückziehen.

Als dann am 16. Oktober des folgenden Jahres der Friede gesichert war, konnte man seiner nicht gleich froh werden, da man fürchtete, daß die Feindseligkeiten wieder ausbrechen könnten. Erst nach dem 1650 der Exekutionsprozeß abgeschlossen war, feierte man am 8. und 9. September 1650 das Friedensfest in der Grafschaft.

Wir können uns vorstellen, wie groß die Freude und Dankbarkeit der armen geplagten Menschen jener Tage war. Hatten sie doch meist nichts weiter als ihr nacktes Leben und ein kümmerliches Dasein davongebracht, wenn sie nicht gar durch die schrecklichen Nöte und Erlebnisse körperlich oder seelisch zerrüttet worden waren.

4. Schadensbilanz

Über den Umfang der Schäden, die der Krieg unserer Heimat an Menschen und Sachwerten brachte, sind wir durch zwei Aktenstücke unterrichtet. Das erste wurde 1649 von der gemeinschaftlichen Regierung in Meiningen aufgestellt und enthält eine Gegenüberstellung der 1634 und 1649 in den einzelnen Orten der hennebergischen Ämter vorhandenen Häuser und Familien. Nach Brückner muß man die Zahl der Familien vor dem Kriege mit 4,5 und nach diesem mit 4 multiplizieren, um ein zutreffendes Bild der damaligen Bevölkerungsbewegung zu erhalten.

Gegenüberstellung

1634: 104 Häuser, 98 Familien, 392 Einwohner

1649: 64 Häuser, 58 Familien, 232 Einwohner

Es waren also: Von den Mannspersonen niedergemetzelt, gestorben und in die Fremde 40, von den nicht mehr besetzten 40 Wohnhäusern wüst und leer 23, niedergerissen, verbrannt oder selbst eingefallen 17.« An Rindvieh waren in Viernau 1634 vorhanden gewesen 210 Stück, wieder herbeigeschafft 77 Stück, also weggenommen 1634 – 133 Stück. (Aus dem Staatsarchiv zu Magdeburg.)

Weitere Erhebungen:

1631: 85 Häuser, 95 Familien, 380 Einwohner

1659: 78 Häuser, 85 Familien, 340 Einwohner

Das zweite Aktenstück aus dem Archiv des Landgerichts Suhl enthält folgende Angaben:

Gegenüberstellung

vor dem Kriege: 80 Häuser, 90 Familien, 405 Einwohner

nach dem Kriege: 42 Häuser, 35 Familien, 140 Einwohner

Die Abweichung dieser Zahlen von den vorstehenden erklärt sich (nach Höhn) wahrscheinlich daraus, daß andere Jahre der Berechnung zu Grunde gelegt sind.

Um das noch im Vorstehenden über den Nachbarort Benshausen Gesagte zu erhärten, sei anzuführen, was das genannte Aktenstück über diesen Ort enthält.

Gegenüberstellung (Benshausen)

vor dem Kriege: 142 Häuser, 150 Familien, 675 Einwohner

nach dem Kriege: 56 Häuser, 4 Familien, 16 Einwohner

Wenn auch wahrscheinlich bei der letzten Zählung ein Teil der Einwohner geflüchtet gewesen sein mag, so zeigt diese Aufstellung doch, wie schwer dieser Ort gelitten hatte. Der Grund hierfür ist wohl darin zu suchen, daß Benshausen damals einen bedeutenden Weinhandel mit Franken trieb und auch an einer Heeresstraße lag, während der unbedeutendere Ort Viernau mehr im schützenden Wald gelegen war.

Nach einer anderen Statistik ist wohl am schlimmsten der Ort Dillstädt durch den Krieg mitgenommen worden. Er besaß nach dem Kriege von 98 Häusern mit 95 Familien noch ganze 9 Häuser und 9 Familien!

5. Anhang

Der Dreißigjährige Krieg von 1618–1648 entstand aus dem Gegensatz des seit der Gegenreformation wieder vordringenden Katholizismus zum Protestantismus. Im weiteren Verlauf des D. K. trat jedoch der religiöse Gegensatz immer mehr hinter die politischen Machtkämpfe zurück.

Deutschland wurde von den Armeen der kriegsführenden Parteien kreuz und quer durchzogen. Überall wurde gebrandschatzt, geplündert und gemordet. In der von Jahr zu Jahr gewachsenen Sehnsucht nach Frieden begrüßte man in hoffnungsvoller und zuversichtlicher Freude die Entscheidungen von Münster und Osnabrück, die am 24. Oktober 1648 zum Westfälischen Frieden führten.

Die Tragweite der politischen Ergebnisse des Dreißigjährigen Krieges wurde den Menschen in dem verwüsteten und verarmten Lande kaum bewußt. Deutschland wurde zersplittert, es bildeten sich etwa 300 selbstständige Fürstentümer, und in seiner kulturellen und politischen Entwicklung für lange Zeit zurückgeworfen. Allerdings wurden die Gleichberechtigung der religiösen Bekenntnisse endlich anerkannt.

Nur langsam erholten sich die Dörfer und Städte von den Lasten und Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges.

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Autor: Willimar Jung

Veröffentlichung in den Heimatheften