Entwicklungen im 18. Jhd.

Ein Bericht von Willimar Jung.

1692 erhielt Viernau das Schankrecht. Gemeindeaufzeichnungen des 18. Jhd. geben Auskunft über dürre Jahre, extreme Hungerperioden und hohe Abgabenlasten.

1. Verleihung des Schankrechts 1692

Möglicherweise auf Grund des Reckrodt‘schen Lehngutes und des später dazugehörenden Kammergutes erhielt unser Ort im Jahre 1692 einen Lehnsbrief, gegeben von Moritz Wilhelm, Herzog zu Sachsen, Administrator des Stifts Naumburg, Landgraf zu Thüringen, Gefürsteter Graf zu Henneberg etc. zu Moritzburg a. d. Elster, am 28. Monatstag Aprilis, nach Christi Unseres lieben Herrn und Seligmachers Geburt im EinTausendSechsHundert Zwei und Neunzigsten Jahre mit folgendem Wortlaut: »Hiermit tun wir kund und bekennen, daß Wir Unseren Getreuen, den Schuldheißen, Dorf-Vorstehern und ganzen Gemeinde zu Viernau auch allen ihren Nachkommen die Schenke und Schankgerechtigkeit daselbst verleihen, mit allen ihren Rechten, Freiheiten, Nutzungen zu »Eingehörnugen« nach ihrem Besten derselben zugenießen auch mit Wein und Bier zubelegen und das Schenkmaß nach dem Meininger Gemäß, als auf jeden Eimer Vierundsiebenzig Maß oder Kannen angießen und abeichen zu lassen und dasselbe in ihrer Gemeinen-Schenke und Keller vor dem Zapfen hinfürder zu gebrauchen. Wir reichen und verleihen der Gemeinde zu Viernau und derselben Nachkommen hiermit und kraft dieses Briefes angeregte Schenke daselbst mit aller ihrer Gerechtigkeit wie obstehet, von Uns, Unseren Erben und Nachkommen, zu rechten Erb-Lehen innen zu haben, zu besitzen, zu genießen und zu gebrauchen, auch davon das »Ohmgeld« oder Trank-Steuer, nämlich von jedem Eimer Wein oder Bier so ausgeschenket wird, Neun Maß unweigerlich zu entrichten und von Quartalen zu Quartalen in Unser Amt Kühndof zu liefern, dann der Lehn von Fällen zu Fällen gebührlich Folge zu tun und insonderheit so oft der Lehnträger verstorben, jedesmal einen anderen vorzustellen und zugleich zehn Gulden Handlohn oder Lehn-Geld zu erlegen – jedoch falls in zehn Jahren mehr als ein Lehn-Träger mit dem Tod abging, daß es bei einem Handlohn zu lassen. Auf ihre Kirche, Schule und andere Gemeinde-Gebäude und -Häuser soll geliefert werden jährliches Brennholz 23 Klafter dem Pfarrer und Schulmeister, 20 Klafter aufs Brauhaus, 10 Klafter auf die Schenke und 4 Klafter dem Schulzen, auch im Notfall ziemlich Bau-Holz ohne Bezahlung und Stamm mietefrei; alles mit Vorbehalt der Hohen und Niederen Obrigkeit, Folge, Reise, Steuer und aller anderer Gerechtigkeit, treulich und ohne Gefährde. Hierbei sind gewesen und »gezeugen« Unsere verordnete Räte (zehn Personen mit hochklingenden Titeln werden aufgezählt) und andere mehr der Unserigen genug »glaubwürdig« Zu Urkund haben Wir Unser Lehens-Siegel an diesen Brief hängen lassen, der gegeben ist zu Moritzburgk an der Elster, den 28, April 1692. Moritz Wilhelm, Herzog zu Sachsen.«

2. Abgabenaufstellung im Jahr 1700

Seit 1700 erscheint in den Gemeindeabrechnungen Viernau, ersichtlich aus Aufzeichnungen des Hofes zu Schleusingen: Erbgefälle, wie Küchen-Kuh-Geld; Wein- und Fuhrgeld; Triftgeld = 24 Th; 9 Gr; 9 ½ Pf. / Lehnsteuer = 10 Th; 14 Gr; 2 Pf. / Jährliche Ausgaben für Forstbedienstete insgesamt 3 Th; 1 Gr; 8 Pf. / Fuhrgeld nach Saalfeld, Schleusingen, Suhl im Durchschnitt 55 Th. »Zehrgeld« auf denen Forstbedienten – 25 Thaler. Also insgesamt jährlich 116 Thaler im Durchschnitt, bei einem Gemeindeetat von rund 300 Thaler.

3. Disput zum Holznutzungsrecht im Jahr 1764

Ein 36 Folio-Seiten langes Aktenstück aus dem Jahre 1764 trägt die Überschrift: »Die von der Gemeinde Viernau zu ihren Kirchen-, Pfarr-, Schul- und Gemeinde-Gebäuden gesuchte freie Holz-Abgabe«. Das Wichtigste aus dem Aktenbündel, als Auszug hinterlegt im Staatsarchiv Magdeburg, berichtet von H. Stoll, Magdeburg: Am 9. März 1764 richten der Schultheiß von Viernau, Joh. Caspar Schwäblein, 2 Vorsteher aus Viernau und 10 »Zwölfer« an die Churfürstl. Sächs.-Hennebergische Oberaufsicht und Regierung zu Schleusingen folgendes Gesuch: »Es sind die Kirche, Pfarr-Städel, Schule und andere Gemeinde-Gebäude, besonders aber die ersteren, so baufällig, daß solche, wo nicht alles in kurzem übereinander herfallen soll, eine baldige Ausbesserung bedürfen. Wir würden diese auch längstens vorgenommen und nicht gewartet haben, bis der Schaden so gar groß geworden wäre; es fehlt uns aber am Holze. Der uns erteilte und in Abschrift hierbei angebogene Lehnbrief (er ist am Anfang dieses Artikels abgedruckt) besagt zwar klar und deutlich, daß wir zur baulichen Unterhaltung unserer Pfarr- und anderer Gebäude ziemliches Bauholz aus herrschaftlicher Waldung unentgeltlich, auch Stämme mietefrei erhalten sollen. Der Herr Kammer- Junker und Ober-Forstmeister v. Kötteritz aber wollen sich hierzu durchaus nicht verstehen. Es haben dieselben uns zwar neulich: 30 Baumstämme, 3 Bloch-Bäume und 2 Eichen angewiesen, jedoch nicht unentgeltlich, sondern nach dem Umschlage und mit der ausdrücklichen Bedingung, daß wir erstlich die Stamm-Miet-Freiheit und unentgeltliche Verabfolgung bemelden Bauholzes von gnädigster Herrschaft erlangen und Ihnen Befehl darüber ausbringen müßten, und reichen uns sonach mit der einen Hand eine Wohltat, die Sie mit der anderen uns wieder entziehen. Was wohlgedachten Herrn Oberforstmeister zu diesem von dero Herren Vorgängern noch nie geschehenem Verfahren bewogen haben müsse, können wir um so weniger begreifen, je deutlicher der Inhalt des uns gnädigst erteilten Lehnbriefes ist. Wären diesem zuwider allergnädigste Befehle vorhanden, so würden weder die Herren Oberforstmeister v. Osterhausen, noch Herr v. Schirnding, denselben haben zuwider leben können, noch wollen. Zudem sind wir auch nicht im Stande, nur dieses uns angewiesene, geschweige denn noch mehreres zu unserer höchsten Notdurft bedürfendes Bauholz aus der Gemeinde zu bezahlen, denn diese, an und für sich arm, hat weiter keine Einkünfte als die, so die Gastwirtschafts-Verpachtung abwirft. Diese aber sind so geringe, daß kaum das allernotwendigste, geschweige denn so starke Neben-Ausgaben damit bestritten werden können – des leidigen Krieges (der Siebenjährige) und der durch solchen uns zugewachsenen Schuldenlast nicht zu gedenken. Wenn wir also unserm Lehnbrief zuwider, das benötigte Bauholz bezahlen sollen, so müssen wir das Bauen unterlassen, so höchst notwendig auch unsere Baue sind. Unser Gotteshaus ist sehr baufällig, daß wenn nicht beständig an demselben geflickt worden wäre, es ganz gewiß schon eingefallen sein würde. Der Pfarrer-Stadel sieht einer zerbrochenen Laterne weit ähnlicher als einem Gebäude, und es ist sehr zu verwundern, daß solcher bei den zeitherigen großen Windstürmen noch stehen geblieben ist, der Wirtschaftsgebäude, die kläglich aussehen, zu schweigen. Nicht einmal die in einem jeden Orte unentbehrlichen Brunnen und Tränktröge, aus welchem doch auch das herrschaftliche Vieh getränkt wird, können wir machen lassen, weil es uns allenthalben an dem nötigen Holze gebricht, und wir dieses, so uns für Geld angewiesen werden soll, nicht bezahlen können. Bei solchen Umständen sind wir also gezwungen, Erw. Hochwohlgeb. Excellenz und Gnaden mit gegenwärtiger Bittschrift zu behelligen und Hochdieselben um gnädige Vermittlung in dieser Sache anzuflehen, daß wir bei dem mit schweren Kosten erhaltenen Lehnbriefe und den damit verknüpften Gerechtigkeiten gnädigst geschützt und sonach der Herr Oberforstmeister v. Kötteritz gemessen befehligt werden möge, uns künfighin das zu unserem Gemeinde-Bedürfnisse benötigte Bauholz von Zeit zu Zeit unentgeltlich und ›Stamm-Miete-Frei‹ anzuweisen und abzugeben. Damit aber der Bau unserer Gemeinde-Häuser, besonders des allzu baufälligen Pfarr-Stadels, welcher der größten Gefahr ausgesetzt ist, mittlerweile nicht gehindert werde, so wollen Erw. Hochwohlgeb. Excellenz und Gnaden uns erlauben, daß wir indessen die uns angewiesenen 30 Bau- und 3 Blochstämme, auch die 2 Eichen, fällen und den höchstnötigen Gebrauch davon machen dürfen, sondern auch künftig unsere gänzlich ruinierte Kirche und Schule herstellen können. Wir verharren in untertänigster Hoffnung und lebenslanglicher gehorsamster Ergebung Erw. Hochwohlgeb. Excellenz und Gnaden untertänig gehorsamste N. N.«

Auf die Eingabe der Gemeinde Viernau vom 9. März 1764 entscheidet die Schleusinger Ober-Aufsicht: »das Holz kann einstweilig verabfolgt werden; jedoch muß es nach dem Taxwert bezahlt werden«. Nach dieser Entscheidung, die starke Enttäuschung in der Gemeinde bewirkt, hoffen die Viernauer Bauern, daß ihnen das »Ohmgeld« (Bier-Steuer) gehört. Am 14. April 1764 findet in dem Amt Kühndorf eine Zusammenkunft der Viernauer Ortsbehörde (Schultheiß, Vorsteher und »Zwölfer«) mit der Ober-Aufsicht statt, wobei die Gemeinde Viernau folgende Forderungen (»Specificationen«) stellt: a) zum Schulbau: 8 Eichen zu Schwellen, 7 Bloch-Bäume zu Dielen, 30 Tannen; b) Zum Pfarrer-Stadel: 2 Eichen, 30 Bäume, 10 Bühnen-Stangen, 3 Bloch-Bäume; c) zu Gemeinde-Zwecken: 5 Eichen zu neuem Brunnenkasten beim Wirtshaus, 4 Eichen zu neuem Brunnenkasten unten im Dorf (Kaspar Kühirts Haus), 30 Brunnenröhren-Stangen, 10 Riegelhölzer, 1 große Tanne zur Braurinne im Brauhaus.

Größere Brände, wie der Brand des Pfarrhauses 1738 und die Brandkatastrophe von 1872, hier brannte auch das Anwesen des damaligen Schulzen Georg Grimm nieder, haben viele Dokumente unserer Gemeinde vernichtet.

4. Aufzeichnungen des Hugo Hoffmannbeck zur Zeit zwischen 1772 und 1818

Bei dem durch Blitzschlag im Jahre 1929 hervorgerufenen Brand unseres Kirchturmes wurden zum Glück viele im Turmknopf gelagerten Dokumente gerettet und sichergestellt, so auch ein Gemeindebuch ab dem Jahre 1744 mit vielen Nachrichten über eine vergangene Zeitepoche unseres Ortes. Diese Aufzeichnungen wurden von Herrn Hugo Hoffmannbeck (Viernau) niedergeschrieben und im Jahre 1937 in der Presse veröffentlicht, um der Viernauer Bevölkerung die Eintragungen unserer »Altvorderen«, die von mancher Not und Trübsal künden, nahezulegen. Sie enthalten besonders viele Grundstücksverkäufe der Gemeinde an die Einwohner.

Der Schultheiß Johann Georg Reumschüssel meldet, daß Anno 1772 am 23. März ein sehr großer Schnee gefallen ist und darauf eine große Kälte gefolgt sei, daß die Vögel in der Luft erfroren sind. Dann ist seit der Zeit eine große Theuerung gewesen in ganz Europa. Das Maß Korn hat 23 auch 24 Bz., das Maß Gerste 14 Bz., das Maß Hafer 7 Bz.und die »Kütze voll Erdäpfel« (Kartoffel) 8 Bz. gegolten. Im Jahre 1772 ist die Theuerung weiter so hoch gestiegen, daß im July das Maß Korn auf 3 Thlr. 3 Bz., der Hafer 13 Bz. und die Kütze voll Erdäpfel 20 Bz. gekostet hat. Die Not ist so groß geworden, daß viele Leute verschmachtet sind (soll wohl heißen verhungert), vor allem in Schmalkalden soll es sehr böse ausgesehen haben. Im August hat sich dann die Not wieder etwas gegeben. Im 1768. Jahr hat sich ein Kometstern sehen lassen, mit einem weißen Schwanz. Im 1770. und 71. Jahr haben sich viele fürchterliche Nordscheine mit feurigen Strahlen sehen lassen, dieses waren Vorboten vor der teuren Zeit. Die meisten Leute haben das Leben mit Kohl und schwarzen Beeren erhalten, aller Vorrat von Getreiden ist aus Sachsen geschafft worden. Der Liebe Gott behüte uns und unsere Nachkommen vor diesen bösen Zeiten, so schließt der Chronist diese Aufzeichnungen.

Anfang des 1773. Jahres hat sich die Teuerung dann weiter etwas gegeben. Das Maß Korn hat gekostet 1 Thlr., die Gerste 12 Bz. und die »Kütze voll Erdäpfel« 10 Bz. Aller Vorrat ist von Sachsen gekommen, von Langensalza, Tennstedt und weiter her! So alles hat sich zu der Zeit gelegt, – wird uns weiter berichtet – durch Krankheit und starben sehr viele, dadurch ist die Not allgemein geworden. Es sind die Leute mit geschwollenen Beinen und Gesichter herumgegangen, bis sie umgefallen sein und verschmachtet!

Nach den verschiedenen Aufzeichnungen unserer Vorfahren muß die Not um diese Zeit in unserm Heimatorte und die ganze Umgegend, furchtbar gewesen sein.

Den 15. und 16. Oktober 1773 ist die Musterung in Heinrichs gewesen, wird uns berichtet und dabei hat es im unteren Gasthaus mit den Benshäusern und Rohrern eine große Schlägerei gegeben. Die Benshäuser seien dann zu Arrest gebracht, mit Arschpreller!! abgedreckt! und nach Suhl gebracht worden. Den Grund der Schlägerei berichtet uns der Chronist leider nicht.

Wir erfahren nun weiter von dem Chronisten, Schultheißen Georg Reumschüssel: »Den 29. Dezember 1773 ist in der Stadt Schleusingen in der Nacht um 12 Uhr unvermutliches Feuer entstanden, dadurch 23 der besten Häuser in die Asche gelegt worden sind. / Den 31. Dezember 1773 haben 40 Mann von Viernau nach Schleusingen gemußt und den Abgebrandten müssen auf der Brandstätte helfen aufräumen. / Den 19. August 1776 hat es gereift und Eis gefroren.«

Im Jahre 1784 ist der gewesene Schultheiß, Georg Reumschüssel gestorben und zwar am 21. Dezember und darauf das kommende Jahr 1785 zu unserm Schultheißen erwählet worden, ist der erbare Meister Kaspar Georg Schwäblein, Mitnachbar und Ackermann allhier und den 19. Januar 1785 verpflichtet worden ist, vor versammelter Gemeinde in der oberen Wirtsstube. Solches zur Nachricht geschrieben. Kaspar Georg Schwäblein, Schultheiß

Vom Jahre 1785 bis zum Jahre 1818 finden wir in den Aufzeichnungen unserer Alten nur immer und immer wieder Grundstücksverkäufe der Gemeinde mit den teils mehr oder wenigen genauen Angaben über Größe, Lage und den Kaufpreisen. Auffallend ist, daß nichts in dem vorliegenden vergilbten Buch von den stürmischen Jahren von 1806–1815 mit der Franzosenzeit, den Befreiungskriegen usw. verzeichnet ist.

Soweit die (auszugsweisen) Aufzeichnungen unseres einstigen Bürgers Hugo Hoffmannbeck. Das Büchlein selbst ist leider verschollen.

5. Rolle der Fuhrwerke

Waren es einst auch Viernauer Eisenkärnerfuhrleute, die zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert Eisenstein aus den Gruben »Mommel« und »Stahlberg« im Schmalkalder Raum zu den Schmelzen in Benshausen oder nach Heinrichs mit ihren zweirädrigen Karren fuhren, über den sogenannten »Eisenkärrnerweg«, so blühte kurz vor 1800 die Geschirrhalterei in unserem Ort wieder auf, nicht zuletzt durch den schwunghaften Weinhandel der Nachbargemeinde Benshausen. Dadurch erhielten auch die verwandten Gewerke wie Wagner und Schmiede wiederum Arbeit und Brot. Viernauer Fuhrleute kamen bei diesen Fahrten bis Danzig und nach Südfrankreich.

Fuhrleute aus unserer Region brachten als Rarität im Jahre 1737 die ersten Kartoffeln aus Schwaben mit in die Henneberger Lande.

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Autor: Willimar Jung

Veröffentlichung in den Heimatheften